Irgendwo auf der A1 zwischen Köln und Dortmund. Es ist Mittwoch Nachmittag. Die Anzeige auf der Mittelkonsole zeigt in leuchtend grünen Ziffern „5:32 Uhr“.

Nissan 300ZX TT Interior

Kurze Irritation gepaart mit Schweißausbruch: „Scheiße, is schon was kaputt?“ Ne, klar, 12 Stunden Format, das mit den 24 Std kam erst später. als Nissan noch Nissan war, gings ab 12:00 wieder von vorne los. Locker bleiben… Guck lieber auf die Straße.

In mir geht auch grad alles wieder von vorne los, vor allem in meinem Hirn. Drei Arten von Rauschen vereinen sich zu einem ungewohnten Gesamtensemble:

1. Internes Hirn-Kater-Rauschen: Auf dem Gildefest in meiner Heimatstadt liegt der Bierkonsum pro Kopf knapp hinter dem auf dem Oktoberfest, und das seit über 600 Jahren. Ab Pfingstsonntag eine Woche durch, Dienstag Haupttag. Solche Traditionen wollen gepflegt werden, da müssen andere Unwegbarkeiten und kurzzeitige Begehrlichkeiten des Lebens zurückgestellt werden.

2. Das Rauschen aus dem Maschinen-Departement: Ein 3L V6 Twinturbo war ein lebendiges Wesen Ende der 80er. Dies wird umso deutlicher, stolpert man nach Jahren gedämmter, ESP gebremster 4Zylinder-Diesel-Monotonie in den ungewohnt tiefliegenden Sitz eines eben solchen Gefährts. 2 Zylinder mehr, V-Anordnung. Zahlreiche Riemen sind, in unendlich kryptischen Windungen verlegt, um das reibungslose Zusammenspiel aller Komponenten bemüht. Ein Lüfter in Sportflugzeugpropeller-Größe und nicht zuletzt die 2 Turbolader bilden zusammen damit einen Klangteppich, der klarstellt: Hier wohnt ein Triebwerk, dem man seine Leistung und Komplexität nicht nur ansieht sondern auch anhört.

3. Fahrtwind-Rauschen: Obwohl zur Schonung des o.g. Triebwerkes nur etwa 140 km/h anstehen, tut die mich umgebende Stahlblechkonstruktion alles, um mir diese Geschwindigkeit auch akustisch mitzuteilen.

Das Teufelchen auf der rechten Schulter hat gewonnen: Die Bedenken um den 12 Jahre alten Zahnriemen werden zur Seite geschoben, kurzer Tritt aufs Gas. Satter Schub setzt sanft ein, vorn wird aus Rauschen Nr.2 ein zufriedenes Knurren, augenblicklich steigert sich dafür Rauschen Nr.3 zu einem Orkan. Die rote Nadel vor mir schnellt auf die 200 zu. Ruhig brauner. Runter vom Pedal. Die kleine Anzeige mit dem stilisierten Schaufelrad zuckt von + 6 auf -6.

Und nu? Wo ist die erwartete Euphorie? Am Vorabend hatte ich auf der Tanzfläche mit 1,6 Promille noch „283PS“ statt „99 Luftballons“ wie alle anderen in Richtung Bühne gebrüllt. Nun macht sich stattdessen mein schlechtes Gewissen breit. „Was hab ich getan?“ Frage ich laut in Richtung Z- Logo auf dem Lenkrad vor mir. Wusste nicht, dass ich fähig bin, 90% meiner Ersparnisse für ein 20 Jahre altes, und jetzt kommt’s, GELBES Auto auszugeben, von dem ich nicht mal weiß, was ich außer dem erwähntem Zahnriemen und ’nem leicht rostigem Auspuff noch alles an Nettigkeiten unterm Post-Blech verbirgt.

Rückblende:
Hauptbahnhof Köln, 14:45 Uhr. Nachdem ich mit noch besoffenen Kopp aus einen stinkenden Bahnabteil getorkelt bin, schüttelt mir ein netter älterer Herr die kalkweiße Alki-Hand. Gepflegtes Äußeres, kumpelhafte, dem alter untypische, lockere Art, braune Wildlederjacke, Rolex Wecker. „Was mach ich hier? Ich muss nach hause“ Denke ich und folge Ihm, bereits angeregt über schöne Uhren, Skifahren und Porsche plaudernd in eine Nebenstraße.

Ich seh’s schon von weitem, meine Befürchtung bewahrheitet sich, er ist mit dem Wagen hier. Irgendwo in 150m steht ein gelb schimmerndes etwas zwischen den aufgereihten Focusen und Gölfen. Etwas flaches, leuchtendes. Mist. Wollte den Motor doch kalt hören. „Ja da ist das gute Stück!“ Sagt er lapidar und bückt sich, um den Schlüssel in die Tür zu fummeln. Nix Funk-Zentralverriegelungs-Bremsassistenz-Lenkradbeheiz-Schnickschnack. Der Schlüssel muss ins Schloss. Punkt. Geil. Die nächsten 2 Stunden verbringe ich im Kater-Kaufrausch-Delirium. Ich weiß zwar noch, dass ich Probe gefahren bin, und auch dass ich mich mit Grubenlampe auf dem Kopf unter den Wagen gelegt hab. Ich weiß auch noch, dass ich nach kurzer Verhandlung alles wofür ich die letzten Jahre gearbeitet habe auf den Marmortisch seiner Upperclass-Wohnung gelegt habe, aber das war’s auch schon.

Ich weiß nicht mehr, wo ich noch genau nach Rost gesucht habe, wie sich die Bremse angefühlt hat, nix. Ich weiß, was ich kontrolliert habe, aber nicht die Ergebnisse dieser Tätigkeit! Auch nicht, dass ich bei aller nach außen gespielter Sorgfalt sogar den Fahrzeugschein auf dem Marmortisch hatte liegen lassen!

Selbsthass! Nicht mal Fotos hab ich gemacht. Alle Bilder hier sind von D.C.

An dieser Stelle nochmals ein Riesendank an meine Vorkoster D.C. und Dreh! Ohne euren Check wäre das echt Mist gewesen! Ich weiß, die Karre quietscht noch und das wird auch nicht vergessen!

Meine Erinnerung setzt erst so richtig wieder ein, als ich mich durch den Kölner Verkehr den Weg bahne. Gefühl: Fahrprüfung. Das Spiel mit der Kupplung ist noch nicht in Fleisch und Blut, 3 Spuren unbekanntes Terrain, Blicke aus den neben mir schleichenden Vernufts-Vehikeln. Bloß nichts falsch machen, immer schöön langsam und an die Turbos denken.

Stau. Der Lüfter vorn stimmt ins Rauschen Nr. 2 ein. Vor mir: Neue E-Klasse, links neben mir: Mercedes Pritschenwagen, mit zugereisten Mitarbeitern des Bauhandwerks, die mir bedeuten, die Scheibe runter zu machen:

„Was ist das für einer?“
„Nissan 300ZX TT“
„Wieviel PS?“
Ich wußte es.“Genug“
„Nee sach ma!“
„283“
„Was kostet?“
„20 000“ (Versuch ist’s Wert)

Im Augenwinkel meine ich zu sehen, das sich die E-Klasse nach vorn bewegt und LASSE DIE KUPPLUNG KOMMEN. Ich Blödmann. Mercedes steht. Blick nach vorn, Schock, Vollbremsung.

„HAAALT! Alder du wärst dem fast hinten drauf gefahren! Ich geb‘ Dir hier sofort 3000€, ok?!“

Fenster hoch. So tun, als müsste man am Radio was einstellen.

Ich versuche, endlich mal locker zu werden, fahre doch seit über 12 Jahren Auto red‘ ich mir zu. Mhmm, das Auto ist schon fast doppelt so lange auf der Straße… grübel.
Ein Blick in den Rückspiegel: Übersichtlichkeit besser als beim Lifestyle SUV-Crossover, dank riesiger, verglaster Heckklappe, merken für nachher-Diskussion mit Freundin, alltagstauglichkeits-Argument! Hö, Hö!

Rückblenden-Ende.

Der Rest der Rückfahrt, ein Autobahn-Traum, mit Shell-Zwischenstopp und kindlicher Freude beim Anblick des tankenden Autos 🙂

Nissan 300ZX TT

Jetzt steht er bei meinen Eltern auf dem Hof im Regen 🙁 ohne Schilder

Nissan 300ZX TT

Zulassung wir erst diese Woche gemacht, der Vorbesitzer hat aufgrund seines fortgeschrittenen Alters die letzten TÜV-Berichte verloren. (Mr. Wildlederjacke hat den Wagen für seinen 80 Jährigen Schwiegervater verkauft, ich berichtete) Und der Lord musste sich erst noch den Fahrzeugschein hinterherschicken lassen.

Und ich sitze hier, das schlechte Gewissen ist der blanken Ungeduld gewichen. Und der Frage: Wo stell ich Ihn im Alltag am besten unter? Hab keine Garage in Stade.

Nissan 300ZX TT Interior

Vorschläge? Freundin ist besänftigt („Der ist ja cool von Innen“), Zahnriemen auf dem Weg. Ich werde erst übernächstes Wochenende mit unserem Meister zusammen den Zahnriemenwechsel vornehmen, für die Arbeit muss man einen Tag einplanen und durch meine Eigenleistung spar ich was. Sein Mechanikerherz schlägt (zum Glück) auch höher seitdem er von der Lady weiß und er hat mir schon mal das Werkstatthandbuch zum Schmökern mitgegeben.

Dann machen wa auch den Ölwechsel und gucken der Dame das erste Mal unter den Rock. Der VA-Auspuff ist schon in die Budgetierung der nächsten Monate aufgenommen

Also: Daumen Drücken!

Bilder gibt’s später, Quartett-Update auch.Bin müde, Männer!

Gute Nacht

Ach so: Das Video darf der Welt nicht länger vorenthalten werden! (Muss sein, D.C.)