Nürburgring Nordschleife

Der heilige Boden

Vergangenes Wochenende war es mal wieder soweit. Am Wörthersee treffen tausende Nihilisten zur gemeinsamen Hocketse und Therapiegesprächen zusammen. Zur Bewältigung der kollektiven Trauerarbeit über die falsche Fahrzeugwahl wird reichlich geringwertiges Ethanol über tätowierte Damenkörper vergossen, süß sei der Schmerz, wenn er nachlässt. „Hail VW.“ (ja, mit ‚a‘, man ist ja international & politisch korrekt, AD 2010) „Puh, haben wir ein Glück nicht auf Opel gesetzt zu haben…!“

Ein paar hundert Kilometer weiter südwestlich bumsen gerade neureiche Oligarchen auf 40-Millionen Dollar Yachten verzweifelt ausgeschiedene Model-Contest Ex-Apirantinnen (der Satz kann auf 2 Arten gelesen werden, as you like it). Vor der Anlegestelle wartet das VIP-Shuttle zur VIP-Tribüne mittels VIP-Ticket für das VIP-Rennen des Jahres: Monaco lädt ein! Jetzt noch schnell den Dom Perignon ge-ext, damit das Personal nicht auf dumme Gedanken kommt. Bussi bussi, los gehts! Wer ‚es sich leisten kann‘ torkelt wichtig (bloß nicht die Prada-Sonnenbrille vergessen, sonst sieht man noch die Botox-Einstichlöcher von gestern an der Noch-Ehefrau) zwischen Mick Jagger, J-Lo und Mr. Douglas hindurch, nur um über einen kleinen, besonders wichtigen Mann mit komischer Brille und merkwürdiger Frisur zu stolpern. Dem Imperator, Großregenten und Meister der ‚wichtigsten‘ Motorsportklasse schlechthin, Mr. supercalifragilistic Bernie E.

Auf den paar Hundert billigen Plätzen am ‚Zuschauerhang‘ des prä-Prekaratiats verkonsumieren einige ewig Unverbesserliche Dosenbier und Dosenfisch (man ist ja am Meer!), die ausgeblichene Schumiflagge anno ’99 schwenkend. Prost! Es folgen 2 Stunden im Kreis gefahre, keine Überholmöglichkeit und ein schicker Unfall im Tunnel. Mann des Tages: Alonso (nein, nicht Webber!), der den Satz hiervor lügen straft. Selbst Niki Lauda fällt nicht mehr ein, als auf dem Red-Bull-Hospitality-Pavillon stehend in österreichischen Heimatgefühlen zu versinken.

Zwischen diesen beiden Eventextremen bewegt sich, zeitgleich, mit traumwandlerischer Gripsicherheit das 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife. Insgesamt rund 200.000 mehr oder weniger Kranke bilden ein Phänomen, das wohl einzigartig ist. Die Akteure sind:

1. Die Strecke

Über den Nürburgring zu schreiben ist ein nichtiges Unterfangen. Man muss ihn wohl einfach als DIE Rennstrecke betrachten. Eine große Anzahl in den Himmel gefahrener Rennfahrer und Hobbyisten werden wohl von Petrus mit einem Kopfkratzen empfangen worden sein: „Hey, J.C., hier ist schon wieder einer mit Lenkrad in den Zähnen und Gras auf dem Kopf!“ „Drecksgolf! Binnich unta 9 Minudde??? Wat is‘ mit mein‘ M3???“

2. Die Veranstalter

Seit der äußerst merkwürdigen Vorgänge rund um die ‚Nürburgring-Affäre‘ (oder sollte man besser von einem Skandal sprechen?) scheint der finanzielle Leidensdruck besonders groß zu sein. Nur so ist zu verstehen, warum (besonders clever, im dunklen Wald!) neongrüne Ordner 3 Kilometer von der Strecke entfernt rund um den Ring auf Waldwegen Wegelagerei spielen und nach ‚Tickets für die Tribüne‘ fragen. *nick* „Äh, ich geh hier spazieren!“ „Wir müssen Tickets kontrollieren, für die Tribüne am Karussel!“ „So so, da gibt es also jetzt eine Tribüne, ja?“ Hmhm…

3. Die Teams & Fahrer

Es gibt wenige Rennen, bei denen Ferrari und VW auf einer Strecke fahren. Bei noch weniger Rennen ist die Rundenzeit von so geringer Bedeutung (Konstanz ist das Zauberwort!). Aber einzigartig sind die 24h-Rennen vor allem wegen der großen und sichtbaren Unterschiede zwischen millionenschweren Semi-Werksteams und notorisch unterfinanzierten, komplett geisteskranken Gearheads aus der Voreifel, die sich mit 20 Jahre alten Mühlen auf die Strecke trauen. Für 24h, wohlgemerkt! Das ist es, was den Reiz ausmacht, racing für’s Volk – nicht NUR für die Elite oder das GTI-Geschwader Mülheim-Kärlich. Jeder hat seinen Hero, Exoten fahren neben Großserienfahrzeugen – alle den gemeinsamen Feind im Visier, die überdominanten 911er-TIE-Fighter.

4. Last, but not least, die Besucher.

Zu denen wir (Ayrton & meine Wenigkeit) uns zählen durften. Nach einem kleinen Intermezzo mit „Radioactive Man“ (siehe 2.) beschlossen wir (wie auch einige andere Uneinsichtige) durch den Wald zu stapfen. Man ist ja 2010 vollkommen zu Unrecht der Meinung, nur weil man GPS-Handys besitzt, wäre man ein zweiter Bear Grylls. So sind wir dann irgendwo im Nirgendwo auf 2 weitere Desperados gestoßen: „Sucht ihr den Weg?“ „Ja!“ „Wir auch! Hehe…“ Zu viert also dem Lärm nach: „Aha, die Einführungsrunde hat angefangen“ Irgendwann, nach einem Gewaltmarsch durch Lavageröll-gepflasterte Waldwege (daher der Name Vulkaneifel) ein Zaun, links wieder Ordner. Tüdeldü, einfach also mal unauffällig in die andere Richtung geschlendert und voilá, wo Kontrolle – da Chaos: Ein Loch im Zaun.

Nürburgring Nordschleife im Wald

Interessante Aufbewahrungsmöglichkeiten, die nur ein Wald bieten kann…

Tja, da steht man nun, in einer Art Vor-Hölle. Ein sehr skurriler Anblick, eine seltsame Mischung aus Woodstock, Campingplatz, Grillfest und VW-BMW-Opel Markenclubtreffen. Überall brennen Lagerfeuer, der Boden ist komplett zerstört (hier wächst kein Gras mehr), Dixie-Batterien wechseln sich mit Generatoren ab (Mit Sicherheit floss da mehr Sprit durch, als bei den Rennautos!). Zwischendrin überall: Fahnen, Wimpel, hektoliterweise Bierdosen, komplett eingesaute Autos, Briten, Holländer und Frauen. Interessant auch die Parallelen zu den allseits gefürchteten Junggesellen-Abschieden und Kegelausflügen (Motto-Shirts im Rudel, Anführer, unsicherer Gang).

Nürburgring Nordschleife Fanlager 24h

Nordschleifen-Lyrik, man beachte den Banner-Spruch!

Leider kann man schriftlich die Stimmung nicht wirklich einfangen, aber hier ein paar interessante Stilleben: Ein Baum wurde mit Bierdosen weihnachtlich dekoriert, ein paar Wahnsinnige bauen riesige Anlagen auf (schön mit Partyzelt usw.), Gerüstbauer flanschen an den Streckenzaun an, und basteln sich abenteuerliche Hochstände (Ah! Jetzt versteheich das mit den ‚Tribünen‘).

Nürburgring Nordschleife Hohe Acht 24h

Pacecar-Fahrer vor RS6, vor RS4, vor der Opel-Bande

Mittendrin ‚Opel-Stammtisch‘ auf Reifen mit Glasplatte, nett dekoriert mit Kerzchen, im Graben sitzen 3 hübsche Mädels vor einer Wurst, zittrig kalte Hände. Multipliziert das x 1000, und ihr habt eine ungefähre Vorstellung von der Lage.

Nürburgring Nordschleife 24h Fans

Grillrost für Zuschauer, warten auf… einen Exige?

Dazu ein unbeschreiblicher Geruch: Eine Mischung aus Grillaroma, Holzrauch, feuchtem Schlamm, Dixie, Benzin, Gummi, Öl und etwas undefiniertem, dessen Ursprung ich nicht wirklich wissen wollte. Einfach großartig (Und jetzt an dieser Stelle bitte keine schlechten Witze über Geschmacksbestimmungen bei Whiskys).

Nürburgring Nordschleife 24h Fans

Nordschleifenlyrik, Part II

Neben diesem Zinnober (viele Besucher schienen sich gar nicht für’s Rennen zu interessieren, Hauptsache „dabei is alles“???) heizen unbeeindruckt die Karren her, teilweise ohrenbetäubend (Nachzündungen bei Schaltvorgängen!), teilweise erträglich (z.B. ein Z4 mit Serienanlage). Zum Glück ist genug Bier da.

Nürburgring Nordschleife 24h Lexus LFA

Huch, war das ein LF-A?

Das tolle ist, man kann im Prinzip den ganzen Ring umrunden, wenn man wollte. Es gibt viele interessante Stellen, manche geradezu prädestiniert für Unfälle und Dreher, andere eher für schöne Fotos und Klangstudien.

Nürburgring Nordschleife 24h BMW Z4 crash unfall

Stilleben: Tod eines Z4, alleine, im Wald

Wenn man möchte, kauft man sich für knapp 25 Euro Eintrittskarten und kommt ins Paddock! Das haben wir auch getan, allerdings am Tag vor dem Rennen, da gab es nämlich zusätzlich noch interessanteres, als ’nur‘ die 24h-Racer zu sehen:

Auch wenn die Reihenfolge der Veranstaltung jetzt ein bisschen misachtet wird – ein weiteres Highlight ist das Rahmenprogramm der 24h.

Nürburgring Nordschleife 24h Rahmenprogramm Saab 900

Rahmenprogramm 24h: Saab 900

Denn schon am Freitag bekommt man für 2-3 Stunden ein paar wirklich schöne Old- und Youngtimer zu sehen, die sich auf der Nordschleife gegenseitig beharken. 635Csi, 240er Volvo, sogar ein Saab 900turbo mit irrem Sound – nur um einige zu nennen! King of the Road: Der M1.

Nürburgring Nordschleife 24h Rahmenprogramm BMW M1

24h Rahmenprogramm: BMW M1

Leider genauso ein Fall für die Preziosenkammer wie der Saab (alles Ausfälle). Ich habe ein paar Bilder gemacht, sie sind nicht besonders gut, sorry dafür. Das Wetter war bescheiden (wie auch sonst in diesem Eifelloch!?) – daher auch entsprechend fehlbelichtete Aufnahmen.

Ich habe jetzt gar nichts zum 24h-Rennen an sich gesagt, aber das ist vielleicht auch nicht so wichtig. Erstens stecke ich in der Materie nicht wirklich drin und zweitens bieten die einschlägigen Seiten der Veranstalter genug Infomaterial hierzu, inklusive entsprechender Videos auf Youtube. Vielleicht nur so viel: Es hat sich bewahrheitet, dass es auf’s Ankommen ankommt. Die Überraschungssieger waren die BMW’s, sie haben einfach durchgehalten…

Bleibt nur noch zu sagen, danke Porsche, dass dein GT3-RS Hybrid nicht angekommen ist. Nicht, dass das kein tolles Auto wäre. Aber dieser vollkommen blödsinnige, fehlgeleitete, von jedem Ingenieur zu widerlegende Hybrid-Trend-Bullshit hätte der ‚pseudo-grünen Welle‘ unnötig Vorschub geleistet. Jetzt kommt mir nicht mir ‚KERS‘ usw. Ich weiss selber, was das ist – und das es nichts mit ‚Hybrid im Sinne der Medien‘ zu tun hat.

Es geht mir hier um die Signalwirkung. Um Symbolik. Rund um den Ring fuhren am Freitag ganz seltsame Autos rum. Man hat sie nicht gehört und daher mussten die Fahrer wohl im Rudel mehrfach um den Eingang zum Ringwerk fahren, um Aufmerksamkeit bettelnd: Teslas, sponsored by RWE. Danke RWE! Für die Strompreise & verlängerte AKW-Laufzeiten! Jetzt weiss ich auch, wo 400.000€ davon hin sind! For f***s sake! Ich bin für clevere, nachhaltige Lösungen, für Effizienz und sinnvolles Engineering zur Verringerung von Emissionen. Was mir aber wie ein Schlag ins Gesicht im Ringwerk präsentiert wurde, war ‚Super-Ingos‘ Werbe-Elise (…für was steht die eigentlich? Soll man sich damit etwa identifizieren?) und ein stylischer, sicherlich sauteurer Ausstellungsbereich des Stromversorgers. Toll!

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