Widmen wir uns doch heute mal der Diskussion um den Schönheitsbegriff!

Vorschlag: Einigen wir uns darauf, Charles Darwin als DEN wegweisenden Evolutionsbiologen zu nennen und sprechen Gott den schöpfenden Finger im figurativen Sinne hiermit ab (Sorry, ‚hast Dich ziemlich rar gemacht und Deine Stellvertreter stehen leider zu häufig auf kleine Jungs). Nur, um mal einen Rahmen zu definieren.

In der Natur (damit ist im engeren Sinne die Flora & Fauna gemeint) gelten einfache Regeln für Erfolg: Siegreich sei, wer sich gegenüber seinen Konkurrenten durchsetzen kann, Fressfeinde umgeht, und selbst das meiste Futter findet. Die Werkzeuge hierfür sind Cleverness, Attraktivität und Stärke. Die Reihenfolge ist übrigens bewusst gewählt, denn die wenigsten McFit-Intensivnutzer sind Stanford-Absolventen und umgekehrt. Fehlt die Stärke, steht man als Heulsuse in der Ecke und kuschelt sanft mit den anderen Emos. Alles klar?

Bleibt das Thema der Attraktivität: Seit Adam nicht mehr (ausschließlich) in autodestruktiver Manie onanieren muss (weil Gott ihm glücklicherweise Eva aus der Rippe schnitt), findet sich das andere Geschlecht irgendwie: Mal schön, mal hässlich. Den meisten kann man es ohnehin nicht recht machen, der eine hat seltsame Vorlieben (dazu später mehr), der andere spricht auf gute Hausmannskost an. In Ihrer Abhandlung über den Lookism (die also Bewertung des Menschen nach dem Aussehen) sprechen Louis Tietje/Steven Cresap folgenden Satz aus:

Let’s imagine an aesthetic continuum. Maximum unattractiveness, also known as “ugliness,” would be the negative pole. On the opposite, positive pole would be maximum attractiveness, also known as “beauty” (for women and, sometimes, boys and certain men), or “handsomeness” (for men and certain women). Being judged to be at the negative pole is an aesthetic variant of what Goffman (1985) calls stigma: an immediately recognizable abnormal trait that works subliminally to turn others away and thus break social claims.

Über die Jahrhunderte hinweg hat der Mensch sich Gedanken über die vollkommene Schönheit gemacht, hierbei sind Teilweise absurde Dinge entstanden, wie z.B. der Lotosfuß der Chinesen (nein, kein u/o-Tippfehler) oder die Hals-Streckringe der Padong in Thailand.  Über die Häßlichkeit hingegen besteht schon seit Jahrhunderten wenig Zweifel. Man kann Sie als ‚Stigma‘ sofort sehen, spüren, erkennen und daraus gefolgert: Weglaufen.

Was uns direkt zu den Autos und Raymond Loewy weiterträgt:

„Hässlichkeit verkauft sich schlecht“

Und jetzt sollte man diesen Satz ruhig mal ein paar Sekunden lang setzen lassen, liebe Leute bei Porsche. Dieser Satz stammt von einem Mann, der seit 1986 tot ist und das moderne Automobil mitgeprägt hat. An welcher Stelle dieses Satzes habt ihr geschlafen, als der Wagen durch die Designmeetings gewunken wurde? Am Anfang oder Ende? Sicher nicht in der Mitte, denn darum geht es euch doch sicherlich?

Ohne Gelegenheit den Panamera gefahren zu sein, unterstelle ich dem Wagen das, was Porsche seit jeher richtig gut kann: Ein perfektes Auto bauen, im technischen Sinne. Mit grandiosem Triebwerk, sensationellem Fahrwerk, makelloser Verarbeitung und all den anderen wichtigen Dingen, die 2010 erwartet werden, um mit ordentlich voller Hose in der Premiumklasse mitstinken zu können. Grandios, im technischen Sinne, ist aber auch die Fortpflanzung von Elefanten oder Nacktschnecken. Beides Dinge, die man ungern sieht.

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Aber genau das passiert, wenn man ein Auto kauft: Man wird gesehen. In meinem winterdepressiven Essay „Die Nichtigkeit des Seins und ihre Konsequenzen“ sprach ich die  2. Haut an, die einem das Auto verpasst, vgl. „posing“. Wer möchte sich in einem Konstrukt zeigen, dessen Silhouette einige Zeitgenossen an einen kotenden Hund erinnert? Wessen Idee war eine Front, von der manche behaupten könnten, sie gleiche einem Krötengesicht?

Und dann diese Maßstabslosigkeit – in der Architektur ein durchaus bekanntes Phänomen, ich darf es kurz erklären: Der Zugewinn an digitalen Werkzeugen hat in der Disziplin der Architektur zu einer völlig enthemmten Formfindungsphilosophie geführt, die sich restlos von traditionellen Proportionslehren oder historischen Assoziationen gelöst hat. Keine Restriktionen an Module, Verhältnisse und das Umfeld lassen bestimmte Exemplare moderner Architektur wie solitäre Fremdkörper erscheinen, ‚gelandete UFOs‘ – um mal diesen vielgenutzten Terminus zu verwenden. Ein typisches Beispiel für diesen Stil sind die Werke der die iranischen, hocherfolgreichen Architektin Zaha Hadid.

Auch das neue Porschemuseum kann hierzu gezählt werden. Übrigens am Rande: Sicher einen Besuch wert!

ABER: Was in der Architektur funktioniert, muss im Automobildesign noch lange nicht klappen. Völlig verunsichert vom mittelmäßigen Erfolg des fantastisch gereiften ‚Vorgängers‘ 928 wurde auf die ‚dasfunktioniertseit40Jahrensuper‘-Designsprache des 911er zur DNA-Bestimmung zurückgegriffen. Ein tragischer Fehler. Selbst der 911 ist in seiner jetzigen Form am Limit seiner besten Jahre angekommen. Immer fetter, immer breiter, schwerer und plumper tritt er auf. Vorbei die eleganten Jahre eines 964. Künstlich wird sein eigentlich schon gekürter Nachfolger der geschlossenen 987-Reihe klein gehalten.

Schade um die verpasste Chance auf einen kommenden Klassiker!
Schade um die verpasste Emanzipation vom zahlungskräftigen Designproletariat!
Und dann dieser Name? Wen soll der beeindrucken?

Doch siehe! Wo Schatten, da auch Licht: Der Panamera steht da als Fanal einer vergangenen Ära des elefantösen, großen Preises ‚wir schlucken VW‘. So, wie sich Mr. W. an dem Deal ‚verhob‘ so ist dem Panamera der Käfer im Hals stecken geblieben. Und das sieht man auch.

Die Chance auf einen Neubeginn?

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