Bitte hierzu diesen Song laufen lassen. Mehr dazu später.

Hat man sich morgens aus seinem völlig unzureichend bequemen und kalten Schlafsack gepellt, nur um völlig unelegant aus dem Zeltloch zu krabbeln, erwartet einen am Samstag der Höhepunkt der ganzen Veranstaltung. Über dem ganzen Gelände der Geruch von Grillgut, bereits um 10h. Verstreute Gruppen von Briten schlurfen zur Dusche – Schlangestehen macht in England Spaß! Antizyklisch beschlossen wir bereits ab Freitag nur noch Abends zu Duschen. Gedudel aus Radios, erste Bierpints auf dem Weg zu Zelten und der Duft von Baked Beans im Pistonheads-Zelt. Fachsimpeleien mit Briten über Modellreihen von Aston, Deutschland in der EU und die Tagespläne. Empfehlungen und Erfahrungen werden geteilt.

Unbezahlbare Momente.

Aus dem Klo fällt uns „Barry the Bear“ entgegen, ein gefühlt 2.59m großer Trümmer mit speckigen Locken und der Gutmütigkeit von Balu „Hoi guys!“. Wir hatten am Abend zuvor bei Bier und Zigaretten die Ehre… 😉 Ayrton: „Fuck, der hat sich die Hände nicht gewaschen“ (dreht sich wieder um zum Waschbecken) 🙂

Ein englisch Breakfeast später und mit leichtem Unwohlsein trotten wir Richtung Rennstrecke. Direkt am Eingang hat sich Chevrolet eine Fläche gemietet, um die neue Corvette zu promoten. Luden C4 mit zweifelhaftem Flair neben modernen C7. Eine deutlich hörbare, farbige Amerikanerin preist die neue Vette als „Worlds finest Supercar“ an. Hmmhm, ist klar.

Gruppen verkleideter Engländer stolpern laut durch die Menge rund um Riesenrad und Fahrerlager. Ein Jahrmarkt voller Merchandise-Tand und Unsinn, durchzogen mit Fressbuden voller ungenießbarem Fraß ziehen sich hunderte Meter durch die Landschaft.
Riesenrad, Schleuderkabine und Kotzgeneratoren locken Mutige, Verrückte und Wahnsinnige.

Die Teams haben teilweise ihre Outlets für die Besucher geöffnet, um ein wenig Krimskrams loszuwerden. 50€ für ein Alpine-Polo-Shirt „Made in Bangladesh“ waren uns dann aber doch zu viel.

Dann, 15h, endlich der Start. Die erste, ernüchternde Erkenntnis: Die Deutschen haben den schlechtesten Sound, ever. Audi flüsterleise – ab jetzt von uns nur noch „silent death – from Germany“ genannt. Der Porsche 919 LMP1 hörte sich an wie eine Elise mit Verdauungsstörungen (wenn er denn durch die Kulisse der LMP2/GT-Klassen klanglich durchkam). Wenigstens die GT-Fahrzeuge hielten, was sie versprachen: Brachialen Sound. Allen voran die Corvette, die mit ihrem V8-Geboller herzerweichend anders als der Schreihals-Ferrari 458 dahercruiste. Aber auch die Aston klangen fantastisch, nicht so laut wie die Vette, aber immer noch sehr sonor.

Den Vogel schoss der rote LMP1 Rebellion Toyota ab, der so ohrenbetäubend und lautstark plärrte, dass wir uns die Ohren zuhalten mussten. Hierbei muss man leider feststellen: Die Lautstärke nahm umgekehrt proportional zur Geschwindigkeit zu.

Plötzlich ein Regenguss, Chaos auf der Strecke, Unfälle, Pace-Car-Runden. Gelbe Flaggen über gefühlte Stunden. Nass wie Pudel trollten wir uns Richtung Zelt, um ein wenig Pause zu machen. Total zerstört von der Anstrengung der letzten 2.5 Tage war ein Nickerchen fällig. Inmitten von Lärm und 6 Hubschraubern, die ständig dem Feld folgten und oft mittig(!) über unser Gelände flogen, LeMans Radio hält einen dabei über die Positionen informiert.

Die Nacht haben wir uns dann gespart. Gegen 0h lief das Fußballspiel der Engländer gegen Italien, das wurde im Zelt übertragen – eine lustige Veranstaltung, dachte ich mir, darf man nicht verpassen. Leider mit erwartbarem Ergebnis. Danach Kapitulation, Ohropax, Dämmerzustand. Der nächste Morgen noch schlimmer als der Samstag. Völlig gerädert an die Frühstücksbar: „How are you today?“ flötet mich die rothaarige Maus an, während Sie mir einen Teller mit Bohnen in die Hand drückt. „I’ve seen better days…“ :lol:. Die arme Kleine war völlig entwaffnet und lachte mich herzlich an.

Während Ayrton sich über mangelnde Kommentare auf unserer Seite ärgert, kämpfe ich mit meinem Magen und dem Frühstück. Ich beschließe es wie die Briten zu machen und bestelle mir direkt ein Bier. Ahhh, besser, ich beginne das Konzept zu verstehen.

Wir erleben den Zieleinlauf nach einigen Stunden an der Strecke (völlig indiskutable Transfer-Organisation, btw.), kurz vor der Start-Ziel-Geraden. Porsche ausgefallen, Motorschaden. Audi-Doppelsieg, California uber alles.

Wir packen ein, verabschieden uns, und genießen die lange, aber unterhaltsame Fahrt im Aston nach D. Erstaunlicherweise (sogar für uns) war der Wagen sehr zuverlässig und problemlos. Manchmal versagte ihm ein wenig die Stimme und er ging einfach aus, aber das nur nach Standgastortur bei sengender Hitze über Stunden. Wir waren glücklich und erschöpft, als die Richtgeschwindigkeit – und nicht das Tempolimit – wieder 130 hieß.

Nach 4 herrlichen, anstrengenden, lauten, heißen, verbrannten, unbequemen aber genussvollen Tagen hat die Heimat uns wieder. Le Mans ist eine unvergessliche Erfahrung geworden.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber bestimmt kennt Ihr das: Macht man etwas mit bestimmter, musikalischer Untermalung so brennt sich die Erinnerung an die Situation für immer in das Gedächtnis. Mit der Folge, dass ich bei bestimmten Songs entweder an Verflossenes oder furchtbar Bescheuertes denken muss.

Ayrton und ich haben vor der Reise eine Musikliste zusammengestellt, von denen jetzt einige Songs zu Roadtrip-Evergreens geworden sind. Nicht unbedingt, weil sie besonders toll waren oder zum Rennen passten, oft auch einfach wegen der Komik in bestimmten Situationen. Unsere persönliche Hitliste besteht mittlerweile nun aus mindestens diesen Songs (auch weil sie sich hervorragend mitgröhlen lassen ;-)):

Johnny Cash – Sam Hall
Blur – Girls and Boys
Dead Kennedys – California Über Alles
Kaiser Chiefs – I Predict A Riot
Sex Pistols – Anarchy In The UK

Klar ist es etwas Britpop/Punk-lastig, aber irgendwie passt auch das.

Müssen wir nächstes Jahr wieder hin? Nein. Es reicht uns für eine Weile.
Habt ihr gefehlt? Klares Ja! Goldende Momente gewinnen durch die Menge an Freunden noch an Gewicht. Denkt daran, beim nächsten Event!
Hatten wir Spaß? Oh ja, eine Menge….

Daher: 2015 | Goodwood.

P.S.: Es hab hunderte Bilder und dutzende Videos. Viel zu viel. Eine kleine Auswahl s.u.