Jaguar XJ220

Jaguar XJ220 (1993) von rob.rudloff bei Flickr

Kaum zu glauben, es ist über 20 Jahre her…

Es gibt Autos, die sich tief in die DNA eines Fuelbrother gebrannt haben. Autos, die sich keiner von uns jemals wird leisten können, die aber dennoch einen Leuchtturm-Effekt auf die unterbewusste Markenwahrnehmung, Prägung und Affinität haben. Viele Marken haben bestimmte „Fanale“, eigentlich die meisten, die wir mögen. Bei Saab war es der 900, bei Volvo der Schneewittchensarg, bei VW der Käfer, Porsche der 911 usw.

Das ist so die Butterbrotklasse der Fahrzeuge, die irgendwie sozialverträglich wirken und niemandem weh tun. Man kann sich für sie begeistern oder es auch lassen. Und dann gibt es echte Legenden, die wie von einem anderen Stern zu kommen scheinen – aber dennoch gebaut wurden.

Eine davon ist der Jaguar XJ220.

In der Zeit als der XJ220 entwickelt wurde, sahen die meisten Autos aus wie Volvos, die ein Kind gemalt hat. Nämlich bestehend aus 3 Quadraten: Vorne – Mitte – Hinten. Der schnellste Wagen in der Schulklasse schaffte vielleicht 200 und man hatte Roxette und Queen auf dem Kassettendeck. Nur, damit der Rahmen mal abgesteckt wird.

Jaguar XJS

So etwas gab es zeitgleich zu kaufen: 1993 Jaguar XJS von Georg Schwalbach (GS1311) auf Flickr

Jaguar war zu diesem Zeitpunkt eine Marke, die ihre Sportlichkeit im Prinzip fast völlig verloren hat, zumindest in der damals zeitgenössischen Modellpolitik. Der XJS war niemals ein Sportwagen, viel zu schwammig und limousinengleich war sein Fahrverhalten. Selbst der 12-Zylinder konnte das nicht ändern und die erfolgreichen Renneinsätze von Tom Walkinshaw Racing waren im Prinzip nicht kaufentscheidend für einen Jaguar-Kunden. Der war nämlich üblicherweise Zahnarzt (oder sonstiger Freiberufler), „mittleren Alters“ (aber eher am Ende dieser Skala) und spielte gerne Golf, schön gemütlich.

Jaguar TWR Silk cut

Am anderen Ende; Jaguar TWR Silk Cut von al_green auf Flickr

Ein paar unterforderte, gelangweilte und übermotivierte Ingenieure bei Jaguar haben dann eines Tages um die Weihnachtszeit Ende der 80er Jahre beschlossen, ihren eigenen, harten Gegenentwurf zu dieser Modellpolitik anzubieten. Der Chefdesigner konnte für das Vorhaben auch schnell gewonnen werden und so entstand in relativ kurzer Zeit bereits das recht seriennahe Konzept eines der schönsten Autos der Welt.

Natürlich sind viele Dinge „schief“ gegangen – jeder weiß, dass die Geschichte des XJ 22o beide Seiten der Medaille in sich trägt. Anstelle eines „standesgemäßen“ (und geplanten) V12 bekam er „nur“ einen V6-Biturbo aus einem Austin Rallye Metro. Und: Ja, er hatte dann doch keinen Allradantrieb.

ABER. Leute, schaut euch das Teil an. Es ist formal das für mich beeindruckendste Designobjekt der jüngeren Automobilgeschichte. Die Ästhetik schwankt zwischen ausschweifender Eleganz und brutaler, animalischer Präsenz, vor allem im Heck. Die Linien sind perfekt, der Wagen ist 100%ig korrekt proportioniert und auch heute, 20 Jahre später derart modern im Auftritt, dass man ihn heute noch bringen könnte. Frappierend wird die Design-Perfektion vor allem dann, wenn man den C-x75 daneben betrachtet. Man erkennt – es geht nicht besser, nur noch anders.

Hinzu kommt: Der Wagen hat wirklich die 220 Meilen/h geschafft (na ja, fast: 217mph). UND: Nimmt dem ersten, 10 Jahre jüngeren (!) Pagani Zonda noch einige Meter im Spurt ab. 😯

Man kann mit recht behaupten, dass der XJ220 seiner Zeit mindestens ein Jahrzehnt voraus war, in Anbetracht des Downsizing-Trends vielleicht sogar 2 Jahrzehnte.

Interessanterweise experimentiert Jaguar gerade mit Mules des C-x75, die einen hochaufgeladenen 1.6L Vierzylinder tragen, mit über 500PS. So kommt also auch ein ehemaliger Kritikpunkt am XJ220, nämlich der der „unangemessenen“ Motorisierung zu später Ehre:

Um die Geschichte, Präsenz und Tragik dieses Projekts zu erfahren, sollte man sich mal die Entstehungsgeschichte gönnen, ich habe sie in einer schlaflosen Nacht kürzlich auf Youtube gefunden:

Direkt hinterher (oder vorher, zum Appetit anregen) schaut euch bitte mal an, was der XJ220 nach über 20 Jahren immer noch zu leisten vermag. Ein herrliches Video von Chris Harris mit einem der Entwickler auf der Nordschleife (Chris im XKR-S und John Nielsen im XJ 220) zeigt die ganze Pracht des Kunstwerks, inklusive Feuer aus allen Rohren…:

Tja – wie ich schon sagte – die Wahrscheinlichkeit sich diesen Wagen leisten zu können, ist ziemlich gering. Aber er ist definitiv einen Traum wert. Und damit man weiß, wieviel Zaster einem fehlt, hier eine kleine Auswahl an angebotenen XJ220. Wie lässig wäre es eigentlich, mit diesem Teil (natürlich inkl. der passenden Begleitung…) die europäischen Küstenstraßen herabzufahren? Schöne Träume!