Manchmal muss man eben selbst Hand anlegen.

Unter der Regentschaft von Fiat und mit dem Niedergang jeglicher, sportlicher Aktivitäten verbunden, siechte Lancia als Marke mehr schlecht als Recht dahin. Lange vorbei sind die glorreichen Zeiten der Sonderkarrossen, des Luxus, der Designsonderserien und tollen Motoren. Fast vergessen scheinen die sportlichen Höchstleistungen und die Verbindung zu Ferrari.

Der Lancia Stratos, als Homologationsfahrzeug bei Bertone für den Ralleysport Lancias entwickelt, schneidet sich wie ein Plasmaschneider durch die Herzen eines jeden Autofans. Eine unfassbar modernde Form, eine kampfjetartige (und hier ist dieses Wort mal angemessen) Pilotenkanzel und die Motorisierung mit 6 Zylindern aus Maranello lassen Fragen nicht aufkommen. Er fuhr seinerzeit diesseits des Audi Quattro alles in Grund und Boden und markierte ein Fanal für Lancia.

Lancia Stratos

Als in den 80er und 90er Jahren der geniale Delta mit seinem hochkomplexen Allradsystem gegen die Ur-Quattros die Erbfolge zum Titelgeber im Ralleysport antrat, war der Stern der Marke bereits im Sinkflug begriffen.

Die Eingliederung von Alfa Romeo in den Fiat-Konzern bedeutete radikales Zusammenstreichen von Aktivitäten außerhalb des Kerngeschäfts und die Neuausrichtung als reine „Schmuckmarke“ im Fiatkonzern. Resultat: Klinischer Tod – bis heute. Ein letztes Zucken, der Thema 8.32, danach: Flatline.

Lancia führt derzeit ein unheiliges Zombiedasein, wer kennt eigentlich noch die aktuelle Modellpalette? Hm? Niemand? Gut, dann versuche ichs mal. Als da wären: Ein komischer, überteuerter Kleinwagen, den keiner kennt. Ein Delta, den keiner mehr will (zu bemühtes Design, zu wenig Sportlichkeit) und ein paar Skurrilitäten (ein Van, oder was soll dieser Musa sein?). Oh my f****** god – ich war gerade auf der Internetseite von Lancia – es ist genau so: Ein Albtraum für Fans der alten, „echten“ Lancia – Modelle. Pikanterweise wird in einer historischen Meldung über den 40sten Geburtstag des Stratos gesprochen, sogar unter Erwähnung des Hrabalek-Entwurfs. Dieses neue, weitaus spannendere Projekt hier unterfliegt scheinbar das Radar…

Man möchte die Götter der Finanzkrise fast bitten, das unwürdige Dasein einer einst glorreichen Marke zu beenden. Was will Fiat eigentlich noch mit Lancia? Was sind die Visionen, die Konzepte, die Emotionen? Einkaufswagen für Gucci- und Prada-affine Weibchen? Die kaufen mittlerweile Mini. Sportlichkeit? Seit 20 Jahren nicht mehr. Luxus? Nicht bei dem Image – ääh, welchem Image eigentlich?

Hierzu empfehlen wir folgendes:

Es reicht eben nicht, sich nur mit gewissen Insignien zu schmücken und eine ‚Elle‘-Version mit Aufklebern „zu kreieren“. Und die Helden aus den 80ern sind lange vergessen und aus den Köpfen der motorsportbegeisterten Herren verschwunden.

Erneut: Manchmal muss man selbst Hand anlegen.

Ganz genau das hat sich Petrolhead, Unternehmer und Afficionado des Lancia Stratos, Michael Stoschek, gedacht. Der mit genügend Kapital ausgestattete Glückspilz hat sich und vielen Bewunderern des ‚Ur-Stratos‘ ein Geschenk gemacht.

New Stratos

Mit einer Ernsthaftigkeit, die es so nur bei einem amtlich entrückten Passionado geben kann, hat sich Stoschek (auch mittels seiner Verbindungen zu Christian Hrabalek) ans Werk gemacht und Pininfarina mit ins Boot geholt.

Natürlich musste die Basis für ein solches Fahrzeug, ähnlich dem Original, aus erhabenem Hause stammen – namentlich Ferrari. Während der alte Stratos mit dem V6 aus dem Dino bestückt wurde, diente bei der Neuinterpretation das F430-Chassis als Grundlage. Wir reden hier nicht von einer simplen Replica (a la Hawk), sondern von einem echten, durchentwickelten Einzelstück.

New Stratos

Jason Castriota, derzeitiger Star am Autodesignerhimmel (vorher Bertone, jetzt bei Saab tätig), arbeitete anfangs maßgebend an der Neuauflage mit, später übernahm Luca Borgogno (unten im Bild) und führte das Projekt zu Ende.

Luca Borgogno

Ich bin nicht qualifiziert genug, um viel zum Technischen zu sagen. Die F430 Plattform ist für ein solches Projekt sicher nicht zu kritisieren, vor allem wenn man um die historischen, technischen Anleihen Lancias bei Ferrari weiß.

Aber – im Gegensatz zu Hrabaleks zu bemühtem Fenomenon Stratos ist dieser Entwurf einfach göttlich. Man hat den Eindruck, ähnlich wie beim 911er, Ford GT40 oder dem neuen Mustang, es wurden die wesentlichen (Gandini-)Elemente behutsam in die Neuzeit transformiert und in eine moderne Ästhetik überführt.

Lancia Stratos - New Stratos

Sogar die unweigerliche Eliminierung der Klappscheinwerfer gelang auf künstlerische Art und Weise. Während zum Beispiel der neue Mini mehr und mehr eine Karikatur seiner selbst zu werden scheint (vgl. dieses SUV-Unding), so wurde hier nicht übertrieben oder übersteigert, verniedlicht oder verchromt.

New Stratos

Der New Stratos wirkt aus jedem Winkel einfach vollkommen- Stark, geometrisch, sachlich, überlegt.

Marcello Gandini muss diesen Entwurf als Hommage empfinden – er schmeichelt dem Original, ohne dabei anbiedernd zu wirken. Auf diesem Weg entsteht eine eigenständige, automobile Persönlichkeit, die für Fiat (Lancia) wie ein Schlag ins Gesicht wirken muss.

Zwei Fehler hat das Ganze…

1. Wir werden es uns (erneut) nicht leisten können.
2. Es werden (vorraussichtlich) nur 25 gebaut.

Weitere Informationen zum Projekt auf der Internetseite: www.new-stratos.com

P.S.: @Lancia: Dieses Auto hätte von euch kommen müssen. Vielleicht klappt’s ja mit einem neuen HF Integrale?  Copyright aller Bilder mit freundlicher Genehmigung des ‚Team-New-Stratos‘