Oldtimertreffen Laufen 2012

Fernab von Währungskrisen, Arbeitslosigkeit und Kriegen existieren noch Orte, an denen man meint, die Zeit wäre stehen geblieben. Man kennt sich oft persönlich – vom Unternehmer bis zum Arbeiter, vom Bäcker bis zum Pfarrer und die Arbeitsmoral kennt Begriffe wie ‚krankfeiern‘ nicht. Wenn man nicht arbeitet, ist man wirklich, ernsthaft und schwer krank oder gleich ganz tot.

Ziel der Plackerei ist fast immer „des Häusle“ und kurz nach der Vorstellung mit einer fremden Person kommt die Frage: „un was schaffsch?“. Antwortet man darauf mit „Sozialpädagoge“ oder „Kunsttherapeut“, erntet man eher Stirnrunzeln „aaah so…“, hingegen hellen sich die Gesichtszüge bei „Werggzeugbauer beim Kocherplaschdig“ oder einfach „Inschenör beim Daimler“ direkt schlagartig auf: „Des isch was rechts!“.

Die Gärten der Gemeinden liefern sich einen Wettstreit mit den Vorgärten der Häuslebesitzer um den schönsten Anblick, und religiöse Aspekte sind mindestens so wichtig wie die Frage nach der gefahrenen Automarke.

Womit wir beim Thema wären – und gleich auch klar ist, dass meine Wenigkeit mit Engländern und Schweden eigentlich ein Landesverräter sein muss. Dass mein Bayer die Bilanz leicht aufbessert ist der Ehrenrettung halber akzeptiert, aber im Prinzip nur noch vergebliche Kosmetik.

Wovon ich rede? Von den Schwaben natürlich.

Auch wenn sich das alles hier etwas spöttisch anhört, so muss man diesen Menschenschlag einfach gern haben und hoch respektieren! Ohne die Schwaben gäbe es über Deutschland kaum positive Klischees und mindestens 2 Weltautomarken und Dutzende andere Branchenführer weniger.

Ich durfte mal wieder ein paar wunderbare Tage im Hohenloheschen verbringen, das ist die Gegend rund um Schwäbisch Hall. Im nahegelegenen Gaildorf habe ich an einem der Tage so einen Musterbetrieb schwäbischer Lebensart besichtigt. Ich war mit der Familie bei einem ‚Lehrlingsfeschtle‘, also einer Demonstrationsschau der Fertigkeiten der Azubis bei Mahle in Gaildorf.

Mahle Gaildorf Ausbildungstage

Wer Mahle nicht kennt interessiert sich vermutlich entweder überhaupt nicht für Autos und fährt einen Prius oder lebt hinterm Mond. Mahle ist neben Bosch einer der wichtigsten Autozulieferer überhaupt und ist für seine Motorkomponenten bekannt, v.a. die Kolben.

Das Gaildorfer Werk ist eigentlich für Nockenwellen zuständig so konnte ich auch direkt Einblick in die doch erstaunlichen Unterschiede zwischen einer Porsche Cayenne V8 und Dodge Viper V10 Nockenwelle „erfassen“.

Nockenwelle wird inspiziert: Vorne Dodge Viper, hinten Porsche Cayenne

Das Teil von der Dodge ist ganz offensichtlich so massiv gebaut, dass man damit jemanden erschlagen könnte, während die Nockenwelle vom Porsche eher filigran wirkt.

Glanzstück und Herz der Werkschau war die Präsentation des Werksrenners der „Formula Student“, eines Ausbildungswettbewerbs mehrerer internationaler Hochschulen und Weltkonzerne. Hierbei treten Teams aus Auszubildenden (z.B. von Mahle), Studenten (z.B. der Uni Stuttgart) und Firmen (weitere Zulieferer) auf internationaler Ebene gegeneinander an, indem sie mit der Synergie ihrer Kooperation (nämlich einem kleinen Rennwagen) einen Wettbewerb um die meisten Punkte in verschiedenen Disziplinen veranstalten.

Interessant hierbei war die schrittweise Reduzierung des Leergewichts der verschiedenen Fahrzeuggenerationen von Anfangs 275kg auf 175kg durch konsequenten Leichtbau.

D.C. im Formula Student, mit Teamchef seiner Wahl
D.C. im Formula Student, mit Teamchef seiner Wahl

Als ich mich in dieses Ding rein setzen durfte, bekam ich das dringende Bedürfnis damit auf der GP-Strecke ein paar 911er zu ärgern. Sehr schön anzuschauen waren die ganzen Karbon- und Alu-Frästeile, wobei das tollste die Felge ist – und mit 1.5kg in Verbundbauweise der beiden Werkstoffe sensationell leicht.

Hierzu empfehlen wir folgendes:

Tags darauf – quasi zum Abschluss – gab es noch in Laufen, einem Nachbarort, ein kleines Oldtimertreffen. Verschiedene Motorräder, Autos und Trecker versammelten sich rund um einen Familienbetrieb einer Gaststätte.

Mich hat vor allem der Lanz Bulldog beeindruckt, der mit dem Vorglühen von 10L Hubraum (Einzylinder!) alleine schon Preise für die coolste Startprozedur aller Zeiten verdient hat. Das eigentliche Betriebsgeräusch eines Lanz ist natürlich Kult und auch euch Nordlichtern bekannt! Werner lässt grüßen…

Oldtimertreffen Laufen 2012

Tja – herrlich mal „normale Leute“ zu sehen und weg von all den schrecklichen Realitäten neuzeitlicher Digitalität, Hipstern und überfremdeten Innenstädten zu kommen. Aber letztlich holt einen alles ein und auch im Ländle bleibt die Zeit nicht stehen. Die Nockenwellengießerei bei Mahle in Gaildorf wird nach Indien ausgelagert… ist billiger.