Mit der Generationenfolge von Fahrzeugen verhält es sich im Allgemeinen wie mit dem Menschen im Speziellen: Je älter man wird, desto besser wird man… Das ist natürlich ein schlechter Scherz.
Was wird denn schon besser? Die Haare fallen aus, man bekommt schlechte Zähne und ähnelt in der Silhouette immer eher Dirk Bach als Dirk Novitzki.

Haaalt! Wird jetzt der Designer und Marketingchef von jeder namhaften Automobilschmiede rufen. Das gilt nicht für unsere Autos. Die werden immer schöner, besser, frischer, jünger… blablabla. Ist das wirklich so? Sicher, die Funktionsvielfalt nimmt zu, es gibt immer mehr Features, Gadgets, Eierwärmer (Sitzheizung), Arschrüttler (Spurassistent), Cupholder… – man kommt sich bald vor wie beim Lesen eines Sexshop-Katalogs.

Ich bekomme mit dem Alter sicher auch immer mehr features. Das nennt sich dann ‚Marotten‘. Das sind so nette, kleine Ticks, wie mit dem Kopf wackeln, nervöse Augenlider und Mundgeruch (es geht schon los).

Wer braucht den ganzen Scheiß eigentlich? Die Verdächtigen sind klar: Marketingleute und Manager. Wenn es die Features nicht gäbe, womit soll man sein Auto dann bewerben? Nur mit dem Verbrauch? Oder gar – (Achtung, gefährlich!) mit Design?!?

Zack – und schon sind wir beim neuen Jaguar XJ:

Dass Jaguar in der allgemeinen Wahrnehmung keine besondere Innovationsschmiede ist, dürfte jedem Petrolhead bekannt sein. Die Stärken der Marke liegen (lagen?!) eher im Design und der Verknüpfung aus Noblesse und Lifestyle. Man hat das Geld, war aber mal schöngeistiger als der Benz- oder BMW-Fahrer. Ein Maserati wäre im Prinzip auch gegangen, aber dafür ist man vielleicht nicht mutig genug. Der Prospekt war angefordert, aber Himmel, was sollen die Nachbarn denken?

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit bei einer sogenannten ‚exklusiven Vorabpremiere‘ anwesend zu sein. Im Prinzip auch nichts anderes als eine stumpfe, marktschreierische Veranstaltung eines neuen Autos. Nix da exklusiv, ca. 50 Dickbäuche und Schnauzbärte drängeln sich um ein vermeintlich tolles Auto und offenbaren dabei eine gewisse Karpfenmimik (halt, der mit dem Bart ist der Wels, sorry).

Jedenfalls, die ausgehangenen Stoffflaggen, (die jetzt überall so hip sind) ließen nichts Gutes ahnen. Der neue XJ wurde konsequent in der 3/4-von-oben-Heckansicht gezeigt, als wenn das die Schokoladenseite wäre. Ich hatte da schon einen schlimmen Verdacht bezüglich der Heckleuchten. Als dann der gute Mann vom Autohaus den Schleier gelüftet hat, stand für mich fest: Der Wagen ist ab der B-Säule ein Design-Desaster erster Güte.

Lancia Thesis Heck meets Renault Laguna Front. Eine missglückte Kombination aus bogenförmiger – ja was eigentlich? – Formgebung der Heckleuchte, die amorph um das gestaltlose Heck herumgeschlonzt wurde (als wenn man den Mittelwert von 30 Entwürfen ermittelt und dann einfach anwendet) springt mich an. Hässlich! Wie kann sowas sein? Jaguar hat traditionell schon immer besonders erlesenen Geschmack bei der Heckgestaltung bewiesen. Jaguar war quasi die ‚Knack-Arsch-Marke‘! Und dann dieses Abführmittel.

Jaguar XJ Heck

Jaguar XJ Heck

Als wenn nicht schon genug angerichtet wurde, haben sich wohl ein paar Leute gedacht: Lass uns kreativ sein und noch einen draufsetzen! Lass uns die C-Säule zerstören! Dort, wo früher eine elegante Linie die Autos in die Heckpartie überführt, zerschneidet eine Art „Bumerang“ die graphische Form des Autos. Was soll das?

Ich muss sagen, ich hatte eigentlich keinen Bock mehr mir das Auto von vorne oder innen anzuschauen. Natürlich habe ich es trotzdem gemacht (das ist so ein bisschen wie bei einem Unfall, man muss einfach hinsehen). Gut, die Front ist wiederrum ganz nett geworden, erinnert an den Quattroporte – man könnte den Designern höchstens ein wenig Einfallslosigkeit vorwerfen, aber das wäre gemein, denn sie haben ja schon ‚Stil‘ bei der Heckgestaltung bewiesen.

Jaguar XJ Aussen

Jaguar XJ Aussen

Also rein in die Kartoffeln! Erster Blick, helles, gelochtes Leder – hm, ja nett. Aber dann…

Eine kriminell aufdringliche, aufgesetzte Hutzen- und Turbinenoptik vor allen Öffnungen. Jaa – is klar! Wir sind ja hier im Flugzeug! ‚Gähn‘. Selbst SAAB und BMW sind langsam von dem Zug abgesprungen. Alles sehr klobig (vielleicht leichter zu bedienen für die ‚best-ager‘?). In jedem Fall wurde größte Mühe verwendet, ähnlich viel Stilsicherheit im Geschmack beim Interieur anzuwenden wie bei Mercedes-Benz. Ich will gar nicht über den vollkommen sinnlosen Chromeinsatz lästern oder das viel zu klobige Lenkrad mit 2.5 Milliarden Knöpfen angreifen. Die Klubatmosphäre ist einfach dahin! Es ist nicht mehr so heimelig und holzig wie Anno Tobak. Sondern einfach nur Plump.

Überhaupt, der ganze Wagen wirkt sehr massiv, fast klobig. Vorbei die Filigranität der alten Modelle.

Jaguar XJ Innen

Jaguar XJ Innen

Das beste aber zum Schluss, Achtung, jetzt kommt’s: Ein digitales Display! Die komplette Instrumenteneinheit hinter dem Volant ist ein einziger Bildschirm. Und was haben sie gemacht?

Analoge Instrumente simuliert.

Zeit war’s auszusteigen.

D.C.

P.S.: Sorry für die schlechten Bilder, war eine Guerilla-Aktion.