Manche Sachen im Leben muss man einfach mal tun, obwohl sie mehr oder weniger risikobehaftet sind.
Bungee-Springen vielleicht, oder Freeclimbing, über die Nordschleife brettern oder- ääh- heiraten zum Beispiel 😀

Oder: den Zahnriemen in Eigenregie wechseln.

Ich muss euch nicht sagen was passiert, wenn das schief geht.
Kurbelwellensalat, garniert mit Ventilcroutons an Sauce a’la Synthese.
Jedem dem man sein Vorhaben erzählt sagt so was wie „AU!“ oder „Oha!“. Alle sagen aber: „Nä! Dat würdisch ja nie selbs machen!“ Zumindest diejenigen, die Zahn- und Keilrippenriemen unterscheiden können.
Warum macht man so was? Es hat was mit Steuerberatern zu tun.
Deren (überaus gut dotierter) Beruf basiert nur auf der Bequemlichkeit anderer Menschen.
Man könnte es auch selber machen, aber wir bezahlen lieber, weil wir die Paarung aus Unwissenheit und Arbeit scheuen.

Es ging so los: D.C. übergab mir das schwedische Raumschiff mit dem guten Gefühl, dass die lokale Schraubereminenz den Zahnriemen bei seinem Erwerb erneuert hätte- das somit also erst mal kein Thema wäre.
Nun sind aber seitdem 70 000km Asphaltband unter dem Bodenblech durchgelaufen und mein Volvomeister mahnte mich bereits.
Das Schöne ist, dass ich dort bereits so was wie ein VIP bin. Das heißt: ich darf an Samstagen, wenn der Chef zugegen ist, die Garage als do-it-yourself missbrauchen.
Blöd ist nur, dass es passieren kann, dort um 9 Uhr im Blaumann auf der Matte zu stehen und der Meister ist gar nicht da- hat’s vergssen oder was auch immer. Wenn er da ist, schraubt er entweder an Kundenvolvos oder seinen eigenen Projekten rum, will aber so gegen 14Uhr Schluss machen. Wenn die Reparaturanleitung schon sagt: „allow yourself minimum half of the day-“ dann haut das schon mal nicht hin!
Außerdem hab ich immer ein latent schlechtes Gewissen da für umme zu frickeln. Lust, einen Haufen Kohle auf den Tresen zu legen für Pfuscherei, die am Ende seine Stifte gemacht haben, auch nicht. Solche Trümmerbuden wie ATU lass ich an meinen Schlitten höchstens mal den Reifendruck messen und beim Stundenlohn des „Freundlichen“ wird mir schwindelig.
Da meine Autos ja leider Obdachlose sind, blieb bislang immer nur der echte Straßenkampf- mit Opas die einfach stehen bleiben und ohne eine Grußformel „kaputt?!“ röhren, oder plötzlichem Regen, der den Werkzeugkasten flutet. Von Fehlern der Raum-Zeitberechnung ganz zu schweigen, wie oft hab ich schon Rennen gegen die untergehende Sonne geschraubt…
Winterräder montieren ist vielleicht so eine Sache die mal eben schnell gemacht ist, aber so was unberechenbares wie der erste Zahnriemen gehört in einen Auto-OP.
Bislang hatte ich so was nicht, aber seit kurzem habe ich das Glück eine verwaiste Werkstatt auf dem Gelände meiner Arbeitsstätte zu haben. Mit Grube, Licht, Radio, Pressluft und fast allem Zipp und Zapp.
Also erst mal Wasserpumpe, Umlenk- und Spannrolle bestellt.
Werkstatt vorsichtshalber für 2 Tage geblockt.
Einmal tief durch atmen, Shania Twain :mrgreen: im Radio aufgedreht, und einfach angefangen.
Alles geht wie am Schnürchen, besonders aufmunternd leuchten mir die guten Markierungen der Nockenwellenräder den Weg, die D.Cs betagter Mechaniker-Opi hinterlassen hat.
Auf ein Phänomen stoße ich allerdings sofort wieder, das mich schon immer durch die Reparaturanleitungen begleitet hat, und auf das ich trotz vorherigen Studiums immer wieder rein falle: kleine, harmlos erscheinende Sätze mit riesigem Gewicht.
„Remove auxillary drivebelt.“ z.B. es geht aber natürlich auch wesentlich schlimmer.
Bei mir musste wegen einer anderen Baustelle auch noch die Servopumpe mit runter- das kostete mal eben eine Stunde mehr. Sonnenuntergang. Egal, Licht an!
Aber dann: der erste Stolperstein! Die Riemenscheibe der Kurbelwelle. 200NM, Rost, und keine Haltemöglichkeit, d.h. Drehen an der Mutter dreht den Motor.
Das Handbuch hat sich mal eben schnell ein Flacheisenspezialwerkzeug gebastelt „Volvo uses a special tool…“ ja, danke!

Motor Volvo V70 T5

Shit. 23:00 Uhr und keine Flacheisen, kein Schweißgerät. Zweifel. Noch ist alles schnell wieder zusammengebaut.
Erstmal schlafen gehen.
Am nächsten Tag im (verschlossenen) Sonderwerkzeugraum bei verständnisvollen Kollegen den Schlagschrauber ausgeliehen. Nach 2 Sekunden Erfolg. Schlagschrauber sind geil.
Dann der Point of no Return: Spanner lösen oder nicht?
Als Entscheidungshilfe dient mir die beginnende Leckage der Wasserpumpe.
Es wird Zeit.

Zahnräder Motor Volvo V70 T5

Außerdem ermutigen die Worte der Anleitung, die ich am Fuße der nächsten Seite finde: „the Belt’s off!“ Das erschien mir wie ein vokabularisiertes Gipfelfoto vom Everest. Das wollte ich.
Dieser kleine Hydraulische Riemenspanner ist ein Monster. Er sieht aus wie eine Rohrbombe, aus der ein Zünderstift herausragt. Man muss ihn mit einem Schraubstock zusammenpressen, und den Stift so versenken. Das dauert so 20 Min, weil man nicht zu schnell machen darf. Schwierig mit soviel Schaum vor dem Mund.
Ist der Stift bündig versenkt, wird er mit einem Metallstift gesichert. Ich benutze einen Nagel, der von der Kraft des Spanners sofort verbogen wird, als ich den Schraubstock löse. Aaargh. Alles nochmal.
1000x Schlimmer aber ist die WaPu. Der Arbeitsschacht ist genau so eng, dass keine Ratsche mit Nuss dazwischen passt.

Zahnräder Motor Volvo V70 T5

Also musste jede der 7 Schrauben mit gekröpften Schlüsseln in Viertelumdrehungen gelöst werden. Wegen der Dichtungsmasse auf den Gewinden entfällt der Punkt des „Lösen und von Hand ausdrehen“. Horror. Blutige Knöchel vom Abrutschen des Schlüssels.
Irgendwann fällt das Teil mit einem Schwall von 3Litern Kühlflüssigkeit in die bereitgestellte Wanne. Halbzeit.
Beim lösen der Spannrolle entdecke ich eine kleine, aber gefährliche Pfuscherei des Vorgängers:
die Befestigungsschraube der Rolle ist selbst gestrickt, d.h. abgeflext und dadurch so kurz, dass die (nicht selbst sichernde) Mutter nur mit halben Gewinde drauf sitzt. 70000 Km wahnsinniges Glück gehabt!
Der „Rückweg“ ist ein Selbstläufer. Das verdreckte Kühlwasser aus der Wanne durch Kaffeefilter von unserer Industriekaffeemaschine geschickt, beim Einbau der WaPu die restlichen Finger kaputt gemacht.
Der neue Riemen schmiegt sich um alle Räder und der Spanner wird entsichert. Motor kalt durchgedreht, alle Markierungen da wo sie hingehören.

Zahnriemen Motor Volvo V70 T5

Zahnriemen Motor Volvo V70 T5

Dann der Augenblick: zünden!? Sein oder nicht sein…

Und er läuft! Er läuft! Komme mir vor wie Johann, der Maschinist des „Boots“, der freudestrahlend den Kopf mit dem Hörrohr auf dem Motor ablegt. (ab 03:20) 😀
Die anschließende Testfahrt dauert 400km.
Geht doch…

Gott-sei-dank hat der BMW Kette.

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