Death or Glory: Zahnriemenwechsel am Volvo V70

Von |2012-10-30T13:34:24+00:007. Sep. 2011|/ Technik und Werkstatt, Volvo|9 Kommentare

Manche Sachen im Leben muss man einfach mal tun, obwohl sie mehr oder weniger risikobehaftet sind.
Bungee-Springen vielleicht, oder Freeclimbing, über die Nordschleife brettern oder- ääh- heiraten zum Beispiel 😀

Oder: den Zahnriemen in Eigenregie wechseln.

Ich muss euch nicht sagen was passiert, wenn das schief geht.
Kurbelwellensalat, garniert mit Ventilcroutons an Sauce a’la Synthese.
Jedem dem man sein Vorhaben erzählt sagt so was wie „AU!“ oder „Oha!“. Alle sagen aber: „Nä! Dat würdisch ja nie selbs machen!“ Zumindest diejenigen, die Zahn- und Keilrippenriemen unterscheiden können.
Warum macht man so was? Es hat was mit Steuerberatern zu tun.
Deren (überaus gut dotierter) Beruf basiert nur auf der Bequemlichkeit anderer Menschen.
Man könnte es auch selber machen, aber wir bezahlen lieber, weil wir die Paarung aus Unwissenheit und Arbeit scheuen.

Es ging so los: D.C. übergab mir das schwedische Raumschiff mit dem guten Gefühl, dass die lokale Schraubereminenz den Zahnriemen bei seinem Erwerb erneuert hätte- das somit also erst mal kein Thema wäre.
Nun sind aber seitdem 70 000km Asphaltband unter dem Bodenblech durchgelaufen und mein Volvomeister mahnte mich bereits.
Das Schöne ist, dass ich dort bereits so was wie ein VIP bin. Das heißt: ich darf an Samstagen, wenn der Chef zugegen ist, die Garage als do-it-yourself missbrauchen.
Blöd ist nur, dass es passieren kann, dort um 9 Uhr im Blaumann auf der Matte zu stehen und der Meister ist gar nicht da- hat’s vergssen oder was auch immer. Wenn er da ist, schraubt er entweder an Kundenvolvos oder seinen eigenen Projekten rum, will aber so gegen 14Uhr Schluss machen. Wenn die Reparaturanleitung schon sagt: „allow yourself minimum half of the day-“ dann haut das schon mal nicht hin!
Außerdem hab ich immer ein latent schlechtes Gewissen da für umme zu frickeln. Lust, einen Haufen Kohle auf den Tresen zu legen für Pfuscherei, die am Ende seine Stifte gemacht haben, auch nicht. Solche Trümmerbuden wie ATU lass ich an meinen Schlitten höchstens mal den Reifendruck messen und beim Stundenlohn des „Freundlichen“ wird mir schwindelig.
Da meine Autos ja leider Obdachlose sind, blieb bislang immer nur der echte Straßenkampf- mit Opas die einfach stehen bleiben und ohne eine Grußformel „kaputt?!“ röhren, oder plötzlichem Regen, der den Werkzeugkasten flutet. Von Fehlern der Raum-Zeitberechnung ganz zu schweigen, wie oft hab ich schon Rennen gegen die untergehende Sonne geschraubt…
Winterräder montieren ist vielleicht so eine Sache die mal eben schnell gemacht ist, aber so was unberechenbares wie der erste Zahnriemen gehört in einen Auto-OP.
Bislang hatte ich so was nicht, aber seit kurzem habe ich das Glück eine verwaiste Werkstatt auf dem Gelände meiner Arbeitsstätte zu haben. Mit Grube, Licht, Radio, Pressluft und fast allem Zipp und Zapp.
Also erst mal Wasserpumpe, Umlenk- und Spannrolle bestellt.
Werkstatt vorsichtshalber für 2 Tage geblockt.
Einmal tief durch atmen, Shania Twain :mrgreen: im Radio aufgedreht, und einfach angefangen.
Alles geht wie am Schnürchen, besonders aufmunternd leuchten mir die guten Markierungen der Nockenwellenräder den Weg, die D.Cs betagter Mechaniker-Opi hinterlassen hat.
Auf ein Phänomen stoße ich allerdings sofort wieder, das mich schon immer durch die Reparaturanleitungen begleitet hat, und auf das ich trotz vorherigen Studiums immer wieder rein falle: kleine, harmlos erscheinende Sätze mit riesigem Gewicht.
„Remove auxillary drivebelt.“ z.B. es geht aber natürlich auch wesentlich schlimmer.
Bei mir musste wegen einer anderen Baustelle auch noch die Servopumpe mit runter- das kostete mal eben eine Stunde mehr. Sonnenuntergang. Egal, Licht an!
Aber dann: der erste Stolperstein! Die Riemenscheibe der Kurbelwelle. 200NM, Rost, und keine Haltemöglichkeit, d.h. Drehen an der Mutter dreht den Motor.
Das Handbuch hat sich mal eben schnell ein Flacheisenspezialwerkzeug gebastelt „Volvo uses a special tool…“ ja, danke!

Motor Volvo V70 T5

Shit. 23:00 Uhr und keine Flacheisen, kein Schweißgerät. Zweifel. Noch ist alles schnell wieder zusammengebaut.
Erstmal schlafen gehen.
Am nächsten Tag im (verschlossenen) Sonderwerkzeugraum bei verständnisvollen Kollegen den Schlagschrauber ausgeliehen. Nach 2 Sekunden Erfolg. Schlagschrauber sind geil.
Dann der Point of no Return: Spanner lösen oder nicht?
Als Entscheidungshilfe dient mir die beginnende Leckage der Wasserpumpe.
Es wird Zeit.

Zahnräder Motor Volvo V70 T5

Außerdem ermutigen die Worte der Anleitung, die ich am Fuße der nächsten Seite finde: „the Belt’s off!“ Das erschien mir wie ein vokabularisiertes Gipfelfoto vom Everest. Das wollte ich.
Dieser kleine Hydraulische Riemenspanner ist ein Monster. Er sieht aus wie eine Rohrbombe, aus der ein Zünderstift herausragt. Man muss ihn mit einem Schraubstock zusammenpressen, und den Stift so versenken. Das dauert so 20 Min, weil man nicht zu schnell machen darf. Schwierig mit soviel Schaum vor dem Mund.
Ist der Stift bündig versenkt, wird er mit einem Metallstift gesichert. Ich benutze einen Nagel, der von der Kraft des Spanners sofort verbogen wird, als ich den Schraubstock löse. Aaargh. Alles nochmal.
1000x Schlimmer aber ist die WaPu. Der Arbeitsschacht ist genau so eng, dass keine Ratsche mit Nuss dazwischen passt.

Zahnräder Motor Volvo V70 T5

Also musste jede der 7 Schrauben mit gekröpften Schlüsseln in Viertelumdrehungen gelöst werden. Wegen der Dichtungsmasse auf den Gewinden entfällt der Punkt des „Lösen und von Hand ausdrehen“. Horror. Blutige Knöchel vom Abrutschen des Schlüssels.
Irgendwann fällt das Teil mit einem Schwall von 3Litern Kühlflüssigkeit in die bereitgestellte Wanne. Halbzeit.
Beim lösen der Spannrolle entdecke ich eine kleine, aber gefährliche Pfuscherei des Vorgängers:
die Befestigungsschraube der Rolle ist selbst gestrickt, d.h. abgeflext und dadurch so kurz, dass die (nicht selbst sichernde) Mutter nur mit halben Gewinde drauf sitzt. 70000 Km wahnsinniges Glück gehabt!
Der „Rückweg“ ist ein Selbstläufer. Das verdreckte Kühlwasser aus der Wanne durch Kaffeefilter von unserer Industriekaffeemaschine geschickt, beim Einbau der WaPu die restlichen Finger kaputt gemacht.
Der neue Riemen schmiegt sich um alle Räder und der Spanner wird entsichert. Motor kalt durchgedreht, alle Markierungen da wo sie hingehören.

Zahnriemen Motor Volvo V70 T5

Zahnriemen Motor Volvo V70 T5

Dann der Augenblick: zünden!? Sein oder nicht sein…

Und er läuft! Er läuft! Komme mir vor wie Johann, der Maschinist des „Boots“, der freudestrahlend den Kopf mit dem Hörrohr auf dem Motor ablegt. (ab 03:20) 😀
Die anschließende Testfahrt dauert 400km.
Geht doch…

Gott-sei-dank hat der BMW Kette.

Hierzu empfehlen wir folgendes:

Über den Autor:

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Ansicht von 9 Beiträgen - 1 bis 9 (von insgesamt 9)
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    Beiträge
  • D.C.
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 1397

    Respekt! Das ist alles, was mir dazu einfällt. Würde ich nicht im Traum selber machen wollen. Aber ist so wie Du sagst: Steuerberater.

    Das mit der abgeflexten Schraube hört sich nach einer typischen Opi H. Lösung an. Der hat mir auch die Landrover Kupplungszylinder so angepasst. Ist aber natürlich bei einem Zahnriemen ne andere Nummer. Nichtsdestotrotz – es hat gehalten – zum Glück.

    Geiler Artikel, vielen Dank!

    Dr.Dreh
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 727

    Danke 🙂 Nix gegen Opi H.- zu dem würde ich sofort hingehen, wäre er in der Nähe…
    Der Erfolg gab ihm ja irgendwie trotzdem Recht!

    Ayrton: ZKD ist für die Heimarbeit vielleicht wirklich kritisch wegen des Planschleifens.
    Hast du das schonmal selbst gemacht?
    Sieht auf dem Konturenbild nur so aus, als ob der Ventildeckel ab wäre…

    D.C.
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 1397

    Äh – ach so: Kannst noch die Links aus den Bildern raushauen? Die verweisen auf eigene Artikel, das ist schmu…

    D.C.
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 1397

    Sehr schön übrigens, wie im ersten Bild der Riemen über dem Außenspiegel drapiert ist 😆

    Vachtbitu
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 354

    respect……..

    Hab schon mal ne ZKD gewechselt, bin da damals total blauäugig heran gegangen, hat aber hingehauen. Nachdem mir im nachhinein bewußt wurde was alles hätte passieren können, habe ich entschieden Zahnriemen immer machen zu lassen.
    Wie hast Du die Nocken blockiert, hattes Du die nötige Klammer und wie hast Du verhindert, daß sich beim Spanner freigeben nichts mehr verdreht?

    Ayrton
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 1460

    lolololol, „Dreh operiert am offen Herzen“ und dann einen Zahnriemenwechsel… schön. Viel Spass beim Autofahren, ab jetzt nie wieder entspannt, nach dem Motto „shit habe ich wirklich alles richtig gemacht…“

    Geplannt wird nur Kopf nicht Block soweit ich weiss daher kannst du Kopf unterm Arm mitnehemn, zum Motorenbauer und da plannen lassen.

    Schöne Artikel, danke!

    Dr.Dreh
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 727

    Ach, komm schon, wenn der Riemen von der Orgel ist, fühlt sich das an, als ob man die Schädelplatte aufgeklappt hätte- das „Hirn“ ist schutzlos irgendwie…
    Und in Bezug auf Entspanntheit:
    genau das Gegenteil ist der Fall!
    Warum soll das denn einer „besser“ machen als ich?
    Besser heißt doch in diesem Fall sorgsamer.
    Ich fühl mich schlecht, wenn ich dran denke, dass an meinem Baby die Lehrlinge mal ran durften, die am Abend vorher noch bekifft im Jugendheim in der Ecke lagen!
    @Vachti: hab keine Nockensperre benutzt. Zum einen drehen sich die Räder nicht so leicht, zum anderen waren sie gut markiert. Wenn du den alten Zahnriemen über diesen Punkten ebenfalls markierst und das auf den Neuen überträgst, kannst du dir sicher sein, dass die Nockenwellen korrekt zueinander stehen. Die Kurbelwelle dreht sich sowieso nicht mit. Der Zahnriemen ist auch ohne Spanner so spack, dass die Zähne nur in einer Position passen. Dann noch kalt durchdrehen, dass der Spanner einmal rundum wirkt, Marken von Kurbel- und Nockenwellen checken, fertig.

    Lord Hellmchen
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 1290

    Alter! Geil! Toller Artikel, tolle Bilder, große Leistung! Respekt!

    Kann das alles zu 100% nachvollziehen. War zwar bei meinem ZR-Wechsel nur „Handlanger“, aber hatte die selben Gefühle, die Du beschreibst. Naja bei meiner Karre ist es, abgesehen vom Spanner, vielleicht auch einen Tick komplexer:

    „1000x Schlimmer aber ist die WaPu. Der Arbeitsschacht ist genau so eng, dass keine Ratsche mit Nuss dazwischen passt. „ Haha!
    Wenn ich auch nur die ZahnriemenABDECKUNG runternehmen will, muss ich mindestens den Kühler ausbauen, besser noch einiges an Turboladerperipherie! Vorteil: Keine blutigen Knöchel, so weit kommst Du bei meiner Karre eh nirgendwo rein 😉

    Wir hatten bei mir auch die Nocken nicht blockiert. Ergebnis: Alles verstellt 😯
    Zum kalt durchdrehen brauchte ich damals ein seeehr langes Rohr als Verlängerung…

    Auch sehr schön Deine Erfahrungen mit der „hilfreichen“ Wartungsanleitung. Bin ich froh, dass ich nicht der einzige bin. In meiner stehen auch Sätze wie:“ Bauen sie beide Turbolader aus.“
    Zum Thema Entspanntheit muss ich Dir zustimmen, Dreh: Selbst wenn die Arbeit mal jemand anders macht, gucke ich zu und „kontrolliere“, ob das richtig ist, inkl. dummer Nerv-Fragen wie:“ Hast Du das jetzt auch richtig angezogen?“ Bin viel entspannter, wenn ich es selbst gemacht habe. Letzte Woche habe ich z.B. gesehen, dass der Stift den neuen Öldrucksensor anscheinend mit der Wasserpumpenzange eingebaut hat: Komplett verbogen! Über sowas rege ich mich tierisch auf und mach es nächstes Mal selber, auch wenn es doppelt so lange dauert.

    P.S. Dreh, Bitte einmal mit Semmelrogge-Stimme: „Er läuft“! sagen, aufnehmen und posten!

    Herr Wu
    Mitglied
    Beitragsanzahl: 135

    Du bist verrückt man! Geile Nummer, hätte ich beim S2 nie gemacht. Meine Hochachtung!

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