Sieht aus, als könnte er kein Wässerchen trüben…

Bisher waren auf diesem Blog jede Menge Artikel zu lesen, die sich mit dem Autoankauf beschäftigen. Höchste Zeit, mal auf die dunkle Seite des KFZ-Handels zu wechseln. Vorhang auf für mein Verkaufsobjekt, im Folgenden „Das Biest“ genannt…

Kurze Zusammenfassung: Mercedes Benz 560 SEC aus dem letzten Baujahr 1991, 300 Pferde unter der Haube und gute 250.000 km auf der Achse.

Das Biest hat 2 1/2 Vorbesitzer. 1991 trat er seinen Dienst als Vorstandsfahrzeug bei einer Firma aus dem Münchner Raum an; der Vorstand, der den Wagen 2 Jahre fuhr, übernahm ihn dann privat und stattete ihn mit einem Lorinser-Fahrwerk und schicken Borbet-Tiefbettfelgen aus. War damals eben der letzte Schrei. 1997 und gut 190.000 km später wurde der Wagen von meinem Schwiegeropa erworben. Der liess sich gesundheitsbedingt – er leidet unter MS – immer nur entweder von der Schwiegeroma oder einem Bekannten durch München chauffieren, dabei kamen pro Jahr nicht mehr als zwei- bis dreitausend Kilometer zusammen. Vor knapp drei Jahren setzte dann die Schwiegeroma beim Ausparken Das Biest vor einen Laternenmast, wobei Frontstossstange, Grill und Motorhaube leicht onduliert wurden. Nach diesem Ereignis gab sie den Führerschein ab, und Das Biest wanderte in die Tiefgarage in einem Münchner Villenviertel.

Eineinhalb Jahre später klingelte bei uns das Telefon. Das folgende Gespräch lief in etwa so ab:

Schwiegermama: „Du weisst doch, das meine Eltern noch den Benz rumstehen haben.“

Ich: (vorsichtig, schlimmes ahnend) „Jaaaah?“

Schwiegermama: „Naja, als ich letztens bei Ihnen war, haben sie rumgejammert, dass der schöne Wagen nur noch rumsteht, und dass sie da irgendwas unternehmen wollen. Und da habe ich ihnen vorgeschlagen, das sie ihn dir schenken sollen.“

Ich: „Öh. Danke? Und, was haben sie gesagt?“

Schwiegermama: „Du kannst ihn jederzeit abholen, die Papiere haben sie schon rausgesucht.“

Ich:

 

Zwei Wochen später stand ich, mein Glück immer noch nicht fassend, bei den Schwiegergrosseltern auf der Matte, konnte nicht aufhören mich zu bedanken und nahm Papiere und Schlüssel in Empfang. Dem Biest, damals wurde es noch zärtlich „Der Dicke“ genannt, wurde eine neue Batterie eingepflanzt, und der Achtzylinder erwachte nach langer Pause und nur  drei Anlasserumdrehungen erst hustend, dann seidenweich laufend wieder zum Leben. Noch schnell 90 Liter Super (!) bei der nächsten Tanke fassen (der Tank musste fast trocken gewesen sein), und dann ging es auf den Heimweg.

Schon kurz nach Verlassen der Tankstelle kam ich ins Grübeln, ich begann zu ahnen, was verbrauchstechnisch auf mich zukommen würde.

Im Winter ’01 hatte ich die Schwiegergrosseltern einmal quer durch Bayern chauffiert, und Schwiegeropa hatte mich damals aufgefordert, „die Kiste mal wieder richtg durchzublasen. Tu‘ Dir keinen Zwang an!“ Damals, noch als Fahrer einer 75-PS-Möhre aus britischer Fertigung, konnte ich diese Bitte natürlich kaum abschlagen und gab dem 560 kräftig die Sporen. Bei Tempo 230 und durchgehend mit gegen das Bodenblech gedrückten Gaspedal über leere Autobahnen bretternd – am 24. Dezember nachmittags – war nach 300 Kilometern der erste Tankstopp fällig.

Ich begann zu rechnen – 90 Liter, 300 Kilometer. Macht 30 Liter auf 100 Klicks. Oha.

Mir war klar, dass ein 5,6 Liter Achtzylinder aus einer Zeit vor Erfindung des NEFZ-Zyklus kein Sparwunder sein würde. Aber als ich 120 Kilometer später zuhause stand und überschlug, dass sich der Benz bei gemütlichem Bummeln über die Bahn mit nicht mehr als 140 km/h gute 15 Liter genehmigt hatte, ahnte ich, dass ich bald mit dem örtlichen Tankwart per Du sein würde.

Aber egal, bei so einem Wagen ist der Verbrauch ja zweitrangig. Das Biest lief seidenweich, schöpfte Drehmoment aus dem Vollen und schwebte wie eine Sänfte auch über schlaglochgeplagte niederbayrische Nebenstrecken. Das Lorinser-Fahrwerk schränkte den Komfort nicht ein, die Borbet-Alus fand ich als zeitgemässes Zubehörteil gar nicht mal sooo schlecht, und im Innenraum präsentierte sich das Leder – dank reichlich ausgelegten Lammfell-Schonbezügen und Auslegeware im Fussraum – fast wie neu.

 In diesem Bild sind 4 Kühe versteckt (oder zumindestens ihre Häute)

Die Karosserie zeigte an (wie ich später bei Recherchen in den gängigen Foren erfuhr) den zwei üblichen Stellen Rostbefall: Am Kotflügel vorne links und am Abschlussblech unter der Heckscheibe. Abgesehen von ein paar kleinen rentnerbedingten Kratzern und etwas Flugrost war auch der Lack noch top in Schuss und verlangte nur dringend nach einer Politur.

Eigentlich hätte ich überglücklich über Das Biest sein müssen, aber es gab einen fetten Haken: Seit etwa einem Jahr war ich intensiv auf der Suche nach meinem Traumwagen, dem Nissan 300 ZX Twin Turbo. Den Richtigen hatte ich noch nicht gefunden, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, wann mir ein annehmbares Exemplar über den Weg laufen würde. Und, so schön der 560 SEC auch sein mochte, für zwei Youngtimer fehlte mir Zeit, Platz und Kohle. Also gab es nur eine Möglichkeit: Der Benz musste wieder weg.

Nach einer Karenzzeit von 6 Monaten, um die Schwiegergrosseltern nicht vor den Kopf zu stossen, wurde Das Biest erst einmal technisch auf Vordermann gebracht. Auftritt von links, in strahlender Rüstung: Hansi, der Superschrauber.

Hansi besitzt mitten in der niederbayrischen Diaspora eine kleine Oldtimerwerkstatt, zufälligerweise gleich bei mir um die Ecke. Dort restauriert und repariert er Oldies – wohl sehr erfolgreich, der Menge an Ur-911ern, alten Alfas, Minis, BMWs und auch Mercedes, die in seine Halle in bedauernswertem Zustand einrollen und im Zustand eins bis zwei wieder verlassen, zu schliessen. Ich hatte ihn kennengelernt, als ich bei ihm ein paar neue Felgen für den Familienschweden mit Gummis bespannen und montieren liess. Als ich beobachtete, mit wieviel Liebe er die Alus vorsichtig am Volvo montierte, wusste ich, dass ich bei ihm gut aufgehoben sein würde. Und Hansi nahm sich gerne Das Biest vor, und machte erst einmal einen grossen Kundendienst. Dann setzten wir uns zusammen und rechneten verschiedene Modelle durch. Die Frage war: Den Benz komplett herrichten und im Topzustand verkaufen, oder mitsamt den aktuellen Macken veräussern? Hansi riet mir, nachdem er mir einen Kostenvoranschlag für das Herrichten auf Zustand 2+ vorgelegt hatte, zu Letzterem. Gottseidank, das kann ich im Nachhinein sicher sagen, habe ich auf ihn gehört.

Nachdem Das Biest also technisch wieder auf Vordermann gebracht worden war, machte ich mich an die Optik. 3 Tage schrubbte, polierte, wachste, saugte und pflegte ich jeden Zentimeter innen und aussen.

Dabei beging ich einen Riesenfehler.

Das Biest war mein erster Youngtimer. Bisher hatte ich es bei der Fahrzeugpflege immer nur mit (Fast-)Neuwagen zu tun gehabt. Also tat ich, was ich beim Corolla TS, 850 T5-R und V70 bisher immer getan hatte: Motorhaube auf, und mit dem Gartenschlauch draufhalten, dass der Dreck schön abgeht.

MÖÖÖÖÖP! FEHLER! TILT!!! Aber noch nicht sofort…

Das Biest wurde schick fotografiert und in die üblichen Internetbörsen eingestellt. Schon ein paar Tage später meldeten sich die ersten beiden Interessenten; der eine vereinbarte sofort einen Besichtigungstermin, der zweite bat um ein paar Detailfotos vom Frontschaden. Also stieg ich in Das Biest, um es kurz aus dem Carport in die Sonne zu fahren und ein paar Bilder zu schiessen. Der Achtzylinder sprang spontan an – um nach 5 Sekunden wieder abzusterben. Leichtes Stirnrunzeln meinerseits.

5 Minuten später stieg ich wieder schweissgebadet aus. Alle Variationen – Starten mit Vollgas, mit Halbgas, ohne Gas mit allen verschiedenen Automatikfahrstufen – führten zum gleichen Ergebnis: der Motor starb nach exakt 5 Sekunden wieder ab.

Nochmal 10 Minuten später stand Hansi nach einem verzweifelten Telefonanruf auf meinem Hof und verschwand unter der ausladenden Motorhaube, um nach kurzer Zeit schulterzuckend wieder aufzutauchen. „Ich schlepp‘ ihn zu mir und schau mir die Sache mal an“ beruhighte er mich mit tiefstem Niederbayrisch.

Nach 2 Tagen (und einen Tag vor dem geplanten ersten Besichtigungstermin) meinte er, den Fehler eingekreist zu haben. Nachdem er erst die antike und schon vor Ewigkeiten stillgelegte Wegfahrsperre verdächtigt hatte, fand er raus, dass das Benzinpumpenrelais sponn; wenn man einen bestimmten Kontakt überbrückte, blieb der Motor am Laufen; aber wenn man ein anderes (funktionierendes) Relais einbaute, ging er wieder nach 5 Sekunden aus…  Hansi versprach, die Sache einem Experten in die Hände zu geben, da er nicht mehr weiterwusste. Und ich schlich zum Telefon, um dem Interessenten das Problem mitzuteilen und den Besichtigungstermin zu verschieben. Am selben Abend sagte auch noch Interessent Nummer zwei ab.

Zum Runterkommen etwas Vivaldi (Vier Jahreszeiten) gehört und zwei Gläser Rotwein getrunken.

Immerhin stand das Mühldorfer Oldtimertreffen an, bei dem sich ja vielleicht ein anderer Interessent für den SEC (inklusive spinnender Motorelektronik?) finden würde – oder auch irgendjemand, der das Relaisproblem kannte und mit helfen konnte. Also blieb das Benzinpumpenrelais weiterhin provisorisch überbrückt, damit der Wagen lief. Den Samstag vor dem Treffen verbrachte ich damit, Das Biest nochmal auf Hochglanz zu polieren und zu wachsen. Als der Benz dann blitzend und glänzend vor mir stand, beschloss ich spontan, meine drei Mädels einzupacken und nochmal mit ihnen zur nächsten Eisdiele zu fahren. Konnte ja sein, dass der Benz morgen wegging und das die letzte Möglichkeit für sowas wäre.

Der Ausflug war leider sehr kurz. Auf halber Strecke blinkte plötzlich das ASR- und ABS-Warnlicht auf, und von den 300 Pferden schienen plötzlich nur noch 100 fusslahme Ponys anwesend zu sein. Entnervt rollte ich wieder bei Hansi vor die Werkstatt, der checkte alles und wusste leider auch nicht weiter. Also schlich ich am nächsten Morgen mit dem fusslahmen Biest auf das Oldietreffen und parkte es in der Verkaufsecke.

7 Stunden später hatte ich jede Menge nette Leute kennengelernt, die alle entweder irgendwann in ferner Zukunft mal einen SEC kaufen wollen würden, jemanden kannten, der mal einen hatte, oder begeistert um den Wagen schlichen, anerkennend nickten und wieder in der Menge verschwanden. Nur kaufen wollte ihn keiner. Zu guter Letzt begann es noch wie aus Kübeln zu schütten, also strich ich die Segel und schlich – wortwörtlich – wieder Richtung Heimat. Um den Tag noch krönend abzuschliessen, verwandelte der Regen die zentimeterdicke Staubschicht, von tausenden Füssen und dutzenden Fahrzeugen auf dem Kiesplatz des Treffens aufgewirbelt und schön gleichmässig vom dunklen Lack aufgefangen, in eine dicke Schlammkruste. Soviel zum Thema Autoputzen.

Zum Runterkommen etwas Muse („Uprising„) gehört und drei Flaschen Augustiner Edelstoff getrunken.

Das Tor zur Hölle

Hansi hatte inzwischen einen seiner zahlreichen Kontakte aktiviert, ein Mercedes-Werkstattmeister, der in seiner Freizeit alte Mercedes restauriert und auch selber einen 500SEL besitzt. Er versprach, sich des Elektronikproblems des SEC anzunehmen. Zeitgleich meldete sich ein weiterer Interessent, der sich das Biest trotz spinnender Elektronik ansehen wollte.

Der Interessent kreuzte 5 Tage später auf – ein Musiker mit Einsteinfrisur, stilecht in einer 124er Limousine, mit Mechaniker im Schlepptau. Nach genauer Begutachtung des SEC in Hansis Werkstatt auf der Hebebühne, sagte er zu, den Benz kaufen zu wollen – wenn ABS und ASR wieder funktionieren würden.

Zwei Wochen später. Hansis Mercedes-Spezi hatte bereits mehrere Teile der Motorelektronik getauscht, ohne dass es irgendwas gebracht hatte (ausser eine Reduzierung meines Kontostandes). Dann kam der erlösende Anruf von Hansi. „Mir ham’s! Die zentrale Hydraulikpumpe im Motor war im Eimer, hat nicht genug Druck aufgebaut, und deshalb hat alles gesponnen. Aber weisst‘ was, der Klumpen Metall kostet bei Mercedes über 5000 Euro!“ Mir wurde übel. „Is‘ aber wurscht, ich hab‘ das Teil bei eBay schon für 60 Euro geschossen!“ Mechanikerhumor… ich war nicht sicher, ob ich ihn durchs Telefon küssen oder erwürgen sollte. 48 Stunden später holte ich den Benz wieder ab, er lief 1a, und die 300 Pferde waren wieder vollzählig versammelt. Überglücklich rief ich den Musiker an. Der teilte mir mit, dass er es sich nochmal überlegt hatte und sich jetzt doch keinen SEC mehr zulegen wollte.

Zum Runterkommen etwas Breaking Benjamin („I Will Not Bow„) gehört und zwei Gläser Bunnahabhain Single Malt getrunken.

Für dieses Jahr hatte ich die Schnauze voll von Dem Biest. Immerhin hatte ich inzwischen meinen Nissan 300 ZX Twin Turbo gefunden, der mir jede Menge Spass machte und den Frust über den Benz dämpfte. Also nur noch den fälligen TÜV des SEC erneuern, und dann ab mit ihm ins Winterquartier. Dachte ich…

…to be continued…