Es gibt Tage, an denen will man gar nicht vor die Tür. Man riecht komisch, die anderen riechen komisch, die Milch für den Kaffee ist alle und überhaupt ist schon wieder ein Brief vom Finanzamt und der GEZ gekommen (manchmal habe ich den Eindruck, die schreiben voneinander ab :mrgreen: ).

Letzte Woche Freitag war so ein Tag. Eigentlich ja unter einem guten Stern, denn man hatte sich mit seinem ältesten Freund zu einem überfälligen Treffen verabredet. Ein Auftrag seinerseits war auch auf der Tagesordnung. Immerhin besserte sich die Stimmung dann auf der Autobahn Richtung süden, denn das Wetter wurde besser und eine süße Blondine grinste mich an der Ampel an. Immer wieder sind die Langstreckenqualitäten des Esprit zu lobpreisen, wenn nur das vermaledeite Glasdach nicht wäre. Man hat ab 180 das Gefühl bei Sturm im Spinnaker zu hängen. Vielleicht leiste ich mir irgendwann noch das Carbondach dazu…

Lotus Esprit S4 top

Dieses Wochenende bei besagtem Freund ließ mich ein wenig in die sorgenfreie  (heutzutage im Bildungspräkariat kaum vorhandene) Wohlstandsgesellschaft eintauchen. Bundesrepublik 1985: „Ich heirate eine Familie“-Atmosphäre mit Jakobs- Krönung-Verwöhnaroma. Das gibt es also doch noch! Zumindest wenn man bei der Berufswahl alles richtig gemacht hat und nicht nur mit dem ‚Mir macht das andere aber mehr Spaß‘-Gehirnteil gewählt hat.

Mit anderen Worten: Zahnarzt statt Grafiker. Dummerweise spielte Peter Weck damals jedoch einen Grafiker, also hat sich scheinbar einiges verändert. Hmm – merken: Dem eigenen Nachwuchs bei der Berufswahl später ins Gewissen reden…

Jaguar E-Type Serie 1

Jaguar E-Type Serie 1

Wenn man also alles Richtig gemacht hat, steht man irgendwann also vor einem E-Type und fragt sich ob man eine Runde dreht (damit er sich nicht feststeht). Denkt man dann noch an seinen besten Freund von Anno dazumal, nimmt man diesen mit und lässt ihn ein paar Fotos machen ist jeglicher Unbill überstanden…

Jaguar E-Type Serie 1

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwann standen wir also vor dem E-Type, der seines Zeichens ein frühes Modell in Originalzustand war. Lack, Leder und Interieur unrestauriert, Motor allerdings komplett neu gemacht. Ein Monument von Motor, sei an dieser Stelle kurz erwähnt, doch dazu später mehr.

Jaguar E-Type Heck

Jaguar E-Type Heck

Leider habe ich GAR keine Kenntnisse über den E-Type, seine Geschichte und seinen Werdegang. Soviel steht aber fest: Sein Design und seine Präsenz hat ganze Sportwagen-Generationen geprägt. Halb Deutschland und ganz Japan hat sich in den 60er und 70er Jahren am E-Type orientiert, so schön war der Wurf gelungen.

Jaguar E

Jaguar E

Das Rezept ist im Prinzip einfach: Grandezza! Eine mehr als großzügige Motorhaube, wohlgekonnte, filigrane Details und ein kurzes, rundes, sexy Heck.  Fertig ist der Traumwagen. Das auf diesen Bildern gezeigte Modell ist dabei noch nicht mal in der typischen ‚brit-Farbe‘ grün gekauft worden, sondern in ‚gun-metall‘ mit rotem Leder. Eigentlich fast schon eine deutsche Kombination. In dieser Zusammenstellung erinnert der Wagen auch ein wenig an frühe Aston Martin Modelle.

Jaguar E

Jaguar E

Dass einen die Instrumente und Kipphebel in eine Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg zurückreisen lassen ist ein anderes, ganz besonderes Element. Smith-Instrumente und ein prominent platzierter Choke lassen keinen Zweifel an einer vergangenen Epoche aufkommen.

Jaguar E Motor

Jaguar E Motor

Los gehts: Zündung. Sofort ist klar, hier handelt es sich um ein ganz anderes Level des automobilen Daseins. Ein langsam drehender und mit Vehemenz bemühter Anlasser rumpelt den riesigen Reihensechszylinder wach. 4.2 Liter Hubraum mit 265PS sind ein Wort. Sonor meldet sich ein satt klingender Motor alter Schule.

Nach einer kleinen Warmfahrrunde mit dem Paten des Wagens durfte ich dann auch mal ‚ran‘. Öldruck stimmt, Temperaturen auch, also mal den Engländer wachgemacht! Ein wirklich fantatischer Sound entfleucht ab 3.000 Upm den Trompeten im Heck. Der klassische Spruch: „Sowas wird heute nicht mehr gebaut“ drängt sich auf.

Jaguar E-Type Serie 1 3 Scheibenwischer...

3 Scheibenwischer…

Gut, jetzt mal Schalten. Hei, das ist noch das alte 4-Gang-Getriebe. Die Gänge verstecken sich besser in der Kulisse  als Amy Winehouse vor der Therapie. Man muss schon rühren und ruckeln, ein Kratzen ist unvermeidlich. Schade, denn das Auto hat einen Wahnsinns-Antritt. Man glaubt dem Wagen die 265 PS auf’s Wort! Spätere Modelle haben wohl eine 5-Gang Box, diese muss sich besser schalten lassen.

Ein dünnes, feingliedriges Holzlenkrad will von kundiger Hand gedreht werden, Rückstellkräfte sind sehr gering. Es kann einem am Kurvenausgang passieren, dass das Auto noch nicht gemerkt hat wenn der Fahrer wieder geradeaus fahren will.

Ab 120 rammt sich einem dann von hinten die Persenning ins Genick und man ist bemüht sein Grinsen  nicht einfrieren zu lassen. Immerhin winken so ziemlich alle am Straßenrand, sei es junge Frauen oder alte Männer. Sogar eine Gruppe Dreikäsehochs will mit einem Fachsimpeln, solche Sympathien weckt das Auto.

Jaguar E-Type Serie 1

Das Vorurteil, nur dicke, alte Motor-Klassik-Leser würden sich so ein Auto zulegen ist natürlich historisch bedingt und hat sicher auch Gründe. Zum Einen sind die finanziellen Mittel im Normalfall für solche Späße erst im fortgeschrittenen Alter vorhanden, zum Anderen will man dann auch keinen DeTomaso mehr fahren: Zu anstregend!  Und ja, dieses Auto ist kein Rennwagen, auch wenn es ein traditionsreicher Sportwagen ist. Das Getriebe und Fahrwerk wollen bedient werden und vertragen keine hektischen Manöver. Das ganze Auto erzieht zur Gelassenheit und Ruhe. Wenn man von einem modernen Fahrzeug in solch ein Auto umsteigt, ist man stärker damit beschäftigt das Auto auf der Straße zu halten ohne etwas kaputt zu machen, als rennmäßig  schnell sein zu wollen.

Jaguar E-Type Serie 1

So verließ ich den Wagen also um eine schöne Erfahrung reicher und bin jetzt auch mal einen E-Type gefahren! Ich kann jedem nur empfehlen mal einen Schritt zurück zu gehen und ein wirklich ‚altes‘ Auto zu fahren. Es ist schier unfassbar, wie dieses Gebiet sich entwickelt hat. Die heutigen Autos sind um Welten einfacher zu fahren – aber leider oftmals ziemlich langweilig und öde…

D.C.

Weiterführende Literatur zum E-Type: