(In 3 Thesen und einem Schluss)

Herbst und Winter genießen im Allgemeinen keinen besonders guten Ruf. Bäume werfen vor Abscheu ihre Blätter ab und die Temperaturen bewegen sich hin zum Dispo. Selbst Vögel verpissen sich in Richtung Süden. Gleichzeitig sterben ältere Menschen besonders gern zur Weihnachtszeit und sogar junge Damen strotzen nicht gerade vor Attraktivität, insbesondere wenn sie kalte Füße haben.

Eine scheußliche Zeit also.

Dass die automobile Passion in der Garage in Stasis ruht, hebt die Stimmung auch nicht besonders. Ein vereinzeltes Tröpfchen 10W 60 auf dem Garagenboden bleibt das einzige Lebenszeichen für Wochen und schillert in den Farben des kommenden Frühlings.

Dies vorweg, damit die Grundstimmung für die folgenden Gedankengänge nachvollziehbar wird.

Ich habe mich in diesem Sommer einige Male gefragt, ob wir zu einer besonderen, aussterbenden Spezies Mensch gehören. Da dies grundsätzlich immer der Fall ist (also das Aussterben, vom kosmischen Standpunkt aus betrachtet), möchte ich es etwas konkretisieren. Ich meine den „Homo Petra Oleum“. Den Menschen, der mit dem Öl lebt.

Die ganze Diskussion um Klimaschutz, erneuerbare (!?) Energien, Ölpreis-Spekulationen und die ständige, fragwürdige Erhöhung der Lebenshaltungskosten bei gleichzeitiger Krisenstimmung lässt vieles von dem, was uns Heilig ist, immer fader erscheinen.

Der sinkende Stern des Mythos „Auto“

Gehen wir einen Schritt zurück, in die 60/70 Jahre, vor der ersten Ölkrise. Das Bild des Mannes ist ein klar gezeichnetes (zumindest, wenn man kein Hippie war –  also eher Steve McQueen als Rainer Langhans). Wenn er es „geschafft“ hatte, leistete er sich zur Belohnung ein angemessenes Automobil. Zu dieser Zeit bedeutete der gesellschaftliche Aufstieg gleichzeitig Anerkennung und Bewunderung. Wenn es, wie oft in diesen Aufbaujahren, auch noch hart verdient war, neidete niemand einem den Mercedes, BMW oder gar Porsche.

Es war vollkommen selbstverständlich, dass der (so genannte) „Herrenfahrer“ keine Rechtfertigung für seine Kaufentscheidung abgeben musste, weder seiner Frau, noch seiner Sekretärin und erst recht nicht seiner Freundin – oder gar der, die es werden wollte. Ich rolle, also bin ich – „Volvo, ergo sum!“ Heureka!

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Männer wie McQueen – Eine aussterbende Gattung | © Creative Commons

Andersherum betrachtet: Wer kein repräsentatives Automobil hatte, konnte es nicht geschafft haben. Es wurde also sozusagen erwartet ein angemessenes Fahrzeug anzuschaffen! Undenkbar, dass ein Fabrikdirektor oder erfolgreicher angehöriger eines freien Berufes mit einem Gogomobil oder Käfer vorfuhr. Dies ist heute anders, geradezu invertiert. Es wird positiv gewertet, wenn ein erfolgreicher Mann (sofern vorhanden) eine bewusste Entscheidung gegen ein klassisches Rollenbild trifft. Es wird quasi sozio-politisch honoriert und größere oder schnellere Autos geächtet! Dies ist die erste Pervertierung etablierter Vorstellungen unserer „Spezies“.

Die Entmystifizierung des Sonoren

In der Anfangszeit der Automobile wurde die klangliche Komponente der Verbrennungsmotoren genau so gering geschätzt wie derzeit (leider!) wieder. Die allgemeine Mehrheit der Bevölkerung nahm die sonoren Emissionen bestenfalls als störend, wenn nicht sogar als unerträglich wahr. Erst im Laufe der Gewöhnung an das Klangbild und die Mechanik dahinter, der Verfeinerung der Technologie und fortschreitenden Perfektionierung der Aggregate wurde dieses anders und kehrte sich schließlich um.

Undenkbar, dass ein geistig gesunder Mensch den Klang eines 70er 12-Zylinder-Ferrarimotors, eines 60er US-V8 oder den eines 80er BMW Reihensechszylinders als unangenehm empfinden könnte. Die Liste ließe sich natürlich um viele Beispiele erweitern. Ein ganzes Universum an Symphonien lässt in jedem einzelnen Exemplar einen Charakter und  eine Seele mitschwingen, die nur diesem Motor gehört.

Auch Manni wollte aus seinem 2.0L 4-Zylinder Opel das Beste herausholen und bohrte fleißig den Luftfilter an, oder verpasste seinem Schatz gleich einen solchen in Sportausführung nebst entsprechender Abgasanlage.

Die Synthese aus Mechanik und Klang ist (war?) geradezu mystisch, weil der einfache Mensch auf der Straße beim Anblick eines Motorraums gleichzeitig auch ein großes Fragezeichen über seinem Kopf trägt. Die ‚Schlangengrube‘, die auf einem knappen Kubikmeter komprimierte Technologie unter dem lackierten Schutz zeigt, ist ähnlich Komplex wie die weibliche Seele und manchmal auch genau so zickig. Wenn sie sich dann auch in einer ähnlich anbetungswürdigen Optik wie beim gezeigten Maserati präsentiert, ist das Herz des Mannes vollends erobert. Die von begabten Ingenieuren kredenzte Mischung aus Mechanik, hochwertigen Materialien, dem Parfum des Öl-Benzingemischs und Kunsthandwerk lässt jeden mit einem Mindestmaß an Faszinationsfähigkeit vor Ehrfurcht erweichen.

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Maserati Triebwerk – © Messe Bremen

Dann begannen die 90er und der Trend zum so genannten ‚Emissionsschutz‘ zusammen mit den damit verbundenen, schmerzhaften Kastrationen. Viele Hersteller beschnitten ihre Produkte klanglich um einige Strophen, es war nicht mehr ’schick‘ den Motor zu hören. Und zwar so, wie er eigentlich klingen konnte. Stattdessen versuchte man mit allerlei Tricks auf Kosten der Lautstärke den Wohlklang beizubehalten und sogar künstlich zu fördern. Sounddesign nennt sich das dann. Überzogenes Zwischenergebnis dieser Bemühungen sind Auspuffanlagen, die über künstliche Mittel fehlendes Timbre ‚reproduzieren‘.

Die derzeit letzte Stufe und damit endgültige Kapitulation des Mythos des Automobils ist die Verpflanzung von Waschmaschinenantrieben in Fahrzeuge. Von Elektromotoren also. Mit der Komplexität und dem Anspruch „getwitterter“ Texte. An-Aus, digital. Wohingegen ein V8-Biturbo wohl eher Shakespeare entspricht. Von der Perversion, elektronische Klänge den fehlenden Motorsound imitieren zu lassen, ganz zu schweigen (siehe Brabus Tesla).

Es ist also nicht so wie am Übergang von Dampfmaschine zu Verbrennungsmotor. Dies war eine logische Weiterentwicklung, Verbesserung und Verfeinerung. Wir erleben einen harten Schnitt, das Ende einer Ära, der Tod einer ganzen Generation von Technologien. Aus.

 

Playstation, iPhone und das Auto 2.0 ab 2000

Die ENT-Kopplung eines durch und durch „echten, harten, lauten, expressionistischen und existenzialistischen“ Subjekts wie dem Automobil des vergangenen Jahrtausends von der Realität und seine Ent-Fokussierung fand langsam aber unaufhaltsam parallel zur Entwicklung der Internetrevolution statt.

Machen wir uns doch einmal klar, was wir Fuelbrothers eigentlich von unseren Automobilen erwarten und so sehr an ihnen schätzen. Sie sind, bei aller Bescheidenheit, für uns der Beweis unserer eigenen Existenz:

Steigen wir in eines unserer Fahrzeuge ein, steigen wir gleichzeitig aus – nämlich aus der sehr komplexen, undurchsichtigen und widersprüchlichen Realität. Wir begeben uns in den sicheren Hafen einer einfacheren, spürbareren und von physikalischen Regeln geprägten Welt. Der Rausch der Geschwindigkeit lässt uns evolutionsbiologisch in lange vergessenen Gehirnregionen suhlen. Das lautstarke Herausbrüllen der eigenen Existenz, freundlich unterstützt durch eine entsprechende Maschine, hilft uns bei der Selbstfindung und dient dem Erkenntnisgewinn des eigenen DA-seins. Drehzahl vs. Tod. Sie sind Realitätsverstärker, wie Drogen, ähnlich in der Lage euphorische Zustände zu erzeugen und genauso mit Entzugserscheinungen zu geißeln.

Die „Bekleidung“ mit unserem Auto ist darüber hinaus für uns ein Sichtbarmachen der eigenen Persönlichkeit. Die hintergründige Philosophie des jeweiligen Modells, und davon haben die entsprechenden Fahrzeuge genügend, ist ein Kaleidoskop der persönlichen Vorlieben, Schwächen und Fetische. Ganz ähnlich wie ein Mensch also unterschiedliche Eigenschaften und Charakterzüge hat,  reflektieren unsere Fahrzeuge vergleichbares. Das führt natürlich auch zu Liebschaften, Sympathien, Apathien, Hass, Untreue und Verrat. Schlimmstenfalls Mord, also der Schrottpresse.

All das verblasst, bis es vollends mit dem Aussterben unserer Generation verschwinden wird.

Der aufmerksame Leser merkt natürlich, worauf ich hinaus will. Natürlich gehört auch der Verfasser dieses Textes auch zur Generation Playstation, Twitter und Co. Unsere Generation braucht für ihren gesunden Eskapismus keine Autos mehr. Es gibt doch Online-Rollenspiele. Oder Youtube. Oder Internetpornos. Was auch immer.

Die Playstation (und ihre Konkurrenten) hat darüber hinaus einen weiteren Effekt. Die Digitalisierung des Autos und die Möglichkeit (z.B. in Gran Turismo) mit den fantastischsten Fahrzeugen die besten Rennstrecken der Welt zu ‚erfahren‘ entzaubert und entwertet die ‚echte‘ Variante davon. Es lässt einen echten Couchpotato nur noch müde lächeln, wenn er dann einen echten Ferrari, Lamborghini oder Lotus sieht. Kennt er ja schon, denkt er. Vorbei die Zeiten, als man mit seinem BMX-Rad zu dritt einem Countach quer durch die Kleinstadt hinterher gestrampelt ist, nur um dieses UFO so lange wie möglich zu sehen oder wenigstens zu hören. Alles ist heute sofort abrufbar, beliebig oft und gleich da.

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Das ‚instant‘ Fahrerlebnis im Spiel | © Creative Commons

Die Persönlichkeitsdarstellung nach außen (das sog. Posen) wird durch ein viel breiteres Bouquet an Produkten ermöglicht, als es der Herr in den 60ern zur Verfügung hatte. Sicher, auch damals gab es Uhren und Anzüge, aber spätestens mit dem Sportboot oder gar der Yacht hörte es dann auf. In den letzten 30 Jahren hat eine Diversifizierung von ‚Gadgets‘ stattgefunden, die es jedem ermöglicht, sich auch im kleinsten Detail nach außen hin darzustellen. Mit seinem iPhone, Blackberry oder Palm, zum Beispiel. Oder mit seinem ‚Mini‘ oder ‚new Beetle‘ oder ‚500‘. Oder einem Facebook-Profil. Seinem Rollenspiel-Avatar. In jedem Fall ist das Arsenal an Entfaltungsmöglichkeiten gestiegen, in gleichem Maße wie die auch die Beliebigkeit der Automobile dies tat. Wenige Hersteller bemühen sich noch (wie Don ‚Enzo‘ Quichotte) einen aussichtslosen und anachronistischen Kampf zu führen, in einem Krieg der längst von Tesla, also Google, gewonnen wurde.

Dies führt zu fratzenhaften Übersteigerungen und Extremitäten, die jegliche Harmonie und Ausgewogenheit vermissen lassen. Wer kann im Ernst behaupten, ein Pagani Zonda wäre ‚schön‘?  Wie eine alternde Filmdiva, die mit ihrem Verfall nicht klarkommt, tragen viele Autohersteller immer dicker auf. Mehr Leistung, mehr Schminke, immer breitere Reifen, immer ausgefeiltere Technologie. Dabei hilft diese Botox- und Silikonbehandlung nicht wirklich weiter. Das Prinzip eines perfekten Automobils wurde in den 60ern gleich dutzendfach von verschiedenen Genies wie Giugiaro, Chapman und der „deutschen Elite“ auf die Straße gebracht und in den 70ern verfeinert und nachgewürzt. Danach gab es nur noch ‚Modellpflegen‘ und ‚Sondermodelle‘. Von der unsäglichen Retrowelle ganz zu schweigen.

Den Gipfel und wahrscheinlich auch das letzte Aufbäumen einer sterbenden Epoche markiert in diesem Zusammenhang Mercedes-Benz mit der neuen Flügeltürer-Replika. Feuchte Träume alter Männer werden wahr, Hurra und gute Nacht.

Das Ende

Wo stehen wir also heute? Bemitleidenswert gestrig, am Ende eines Weges, wie alte Männer, die ihrer Jugendliebe nachtrauern, geben wir uns weiter und immer wieder dem Rausch der Sinne hin, den unsere Schätze uns verschaffen. Sollen die anderen doch World of Warcraft spielen.

D.C.