Das (nonexistente) „Design“

Von |2011-02-12T12:15:01+00:0011. Feb. 2011|/ Essays, / Polemik und Sonstiges, Toyota|6 Kommentare

Design ist ein schwieriges Wort. Jeder versteht etwas anderes darunter, in verschiedenen Sprachen wird es für teilweise recht unterschiedliche Tätigkeiten benutzt und der Beruf des ‚Designers‘ sagt ersteinmal nichts über die eigentliche Tätigkeit des betreffenden aus. Womit wir auch schon beim Kernproblem des Artikels ankommen. In Zeiten, in denen jede Putzfrau eine ‚facility-cleaning assistant-manager‘-in ist und ’nail & french-designerin‘ zur ernsthaften 1-Euro Job-Alternative für abgehalfterte, rauchende Vokuhila-Blondinen aus den 80ern geworden ist, kann also jeder ‚Designer‘ sein.

Wer hat mit diesem Unsinn eigentlich angefangen? Waren es die ach so hippen ‚art-directoren‘ in den Werbeagenturen der 80er, die sich mega-wichtige Titel untereinander geben wollten, oder doch die dot-com-Blase mit den ganzen IT-Architekten und database-specialist-analyst-desigern. Klar, klingt hipper als ‚Datenbank Administrator‘ oder ‚Informatiker Fachrichtung Programmentwicklung‘. Sicher Dicker.

Ein ‚Webdesigner‘ gestaltet also heute Internetseiten (gerne auch mal mit Frontpage und Coreldraw), ‚Hairdesigner‘ kämmen gern‘ mal durch und bei manchen Autofirmen hat man den Eindruck, dass die Buchhaltung auch mal den Stift für das neue Modell in die Hand bekommt. Als ‚car-designer‘.

Eine Automarke, bei der ich diesen Verdacht habe, ist die, deren Autos ich immer auf dem Weg in meine Muckibude ertragen muss. Ich habe mich seit Carlos Sainz und einem Modell namens ‚Supra‘ nicht mehr mit dem Label beschäftigt, zu nichtssagend und unauffällig sind die Produkte. Nicht ein Punkt, an dem man sich aufhängen kann. Keine Linie oder Kurve, die etwas in einem auslöst. Keinerlei Historie in der Gestaltung, keine Identität, kein Charakter, nichts, ausdruckslose Augen (äh, Scheinwerfer) blicken einen hundertfach an, automobile Zombies sozusagen.

Ein Vergleich mit den Figuren aus ‚Die Körperfresser kommen‚ ist durchaus angebracht und scheint legitim.

Irrwitzigerweise hat der Konzern dieser Fahrzeuge auch eine „Premiummarke“ auf den Markt gebracht, die es mit Charakterköpfen wie Jaguar, BMW und Mercedes (ja immerhin!) aufnehmen soll. Und jetzt kommts: Auch hier – nichts. Die Autos sind noch gefälliger, noch austauschbarer, noch … mir fehlen die Worte, aber es hatte was mit sanitären Anlagen und der Kanalisation zu tun.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Diese Marke baut einen der teuersten und aufwändigsten Supersportwagen aller Zeiten. Mit – genau (!) – dem gleichen generischen Design. Beziehungsweise der Vorstellung von etwas „aufregendem“, wie sich ein Buchhalter eben kreativ etwas „aufregendes“ ausdenkt. Nichts gegen Buchhalter, aber Designer sind ja bekanntlich auch oft schlecht mit Zahlen, daher…

Tja, ein gutes hat die Marke, sozusagen ein ‚Bleibe- und Existenzrecht‘. Sie bauen recht brauchbare und zuverlässige Motoren. Auch wenn es in letzter Zeit etwas Wirbel gab, wegen Amerikanern, die Gas und Bremse verwechselt haben (und das ist wieder eine andere Geschichte). Aber ob das reicht?!

Nein.

Nicht-Design

©Thomas Dörfer | creative commons

Über den Autor:

In seinem bürgerlichen Dasein schubst D.C. meist Mäuse und macht keinen Hehl aus seiner handwerklichen Unfähigkeit. Das passt daher hervorragend zu seiner Vorliebe für britische Exoten und sein Faible für eine nicht-mehr-existente, schwedische Marke.

6 Kommentare

  1. Lord Hellmchen Freitag, 11.02.2011 um 16:11 Uhr

    Massenhersteller!
    Frag mal die Leute auf der Straße, wie sie Mc Donald’s finden! Machen wir uns nix vor, das Zeug ist ungesund, hat mit Lebensmitteln nicht mehr viel zu tun, unterstützt die Massentierhaltung, die machen mit ihrem friend-scheiß-system die Leute kaputt und die Menschen, die da essen, sehen auch nicht gut aus (von der Werbeikone mal abgesehen).
    Trotzdem rennen da alle hin und die sind die größten der Welt wenn’s um Pressfleisch mit Pappbrötchen geht.

    Da kann man gegen wettern, wie man will. Der Erfolg gibt Ihnen (leider) recht.

    Immerhin haben die nicht den Fehler vom Ferdinant gemacht und versucht, unter dem Label eines Massenherstellers von Mittelklassewagen eine Oberklasselimousine mit gleichem Design zu verkaufen. Wenigstens haben die dafür (wie Nissan) ne andere Marke erfunden.

    Das mit dem Designproblem japanischer Autos hat m.E. derweil noch folgende andere Gründe:

    1. Es hat etwas mit dem fernöstlichen Lebensstil, der Mentalität und Art zu Arbeiten zu tun. Sprich, das ästehtische Empfinden ist dort einfach anders. Beispiel: Nissan Cube. In Japan (und USA!) ein absoluter Renner,in Europa der größte Ladenhüter seit Jahren.

    2. Überheblichkeit und Größenwahn, verbunden mit zu großem und trägen Konzern. Ich glaube, daß selbst der größte Autobauer der Welt nicht alle Ziel- bzw. Stilgruppen abdecken kann (erst recht nicht, wenn er es krampfhaft versucht). Beispiel: Nissan versucht derzeit, den neuen Micra als neues „Weltauto“ zu etablieren. Habt Ihr das „Design“ mal gesehen? Ha Ha das kommt davon.

    3. Dieser Autobauer steht auf den 4 Stufen des Abstiegs mind. am Ende der dritten (das hatten wir hier schonmal) Der „Supersportwagen“ da ist der Eindeutiger Hinweis dafür! An genau dieser Stelle stand Nissan Anfang der 90er Jahre, als mein völlig over-engineertes Auto gebaut wurde. Es brauchte dann noch einige Jahre des Abstiegs, bis ein neuer Mann an der Spitze mit militärischer Sorgfalt den Konzern vor dem Ruin gerettet hat, unter anderem auf Kosten vieler Vertriebspartner auf der anderen Seite des Globus. Aber sonst wäre das noch viel übler ausgegangen.

    Ich finde:
    Man kann so etwas immer auf einen Kern zusammenführen: Zu Groß geworden!
    Guckt euch die vielen kleinen Schmieden in England, Italien, Deutschland und ich weiß-nicht-wo an: Kaufmännisch haben die nichts auf der Platte aber eins können sie: Schöne Autos bauen!

  2. D.C. Freitag, 11.02.2011 um 16:36 Uhr

    Zustimmung: Außer! Der Nissan Cube ist aus der Reihe und den kann man nicht in diesem Kontext betrachten. DAS ist Design! Nissan hat ohnehin wenigstens ein paar interessante Versuche gestartet (siehe Z, siehe Juke (Joke?)) und sie versuchen es immer wieder. Toyota versucht es schon gar nicht mehr. Und dann kommt auch noch Hyundai von hinten und überholt die womöglich mitsamt VW rechts?! Allerdings mit genau dem Kotztütendesign wie die Vorbilder.

    Meckes ist meiner Meinung nach ein Auslaufmodell und wird sich ändern müssen, sonst gehen sie langsam zugrunde. Die Leute (auch die saublöden auf der Straße) essen immer weniger Fleisch (teils aus gesundheitlichen/ethischen (so wie ich), teils aus Kostengründen). Gleichzeitig steigen die Ansprüche, Jamie Oliver kocht vor und die Konkurrenz aus Anatolien schläft auch nicht (und ist übrigens gesünder, zumindest wenn man auf das Fleisch großteils verzichtet). Man sieht schon die ersten Reaktionen (in Paris hat ein reiner Salatmeckes eröffnet) und die McCafe-Nummer spricht Bände. Ich warte auf den Bio-Burger bei einer der beiden Ketten und bin sicher, der ist schon in der Pipeline und kommt noch dieses Jahr.

    Ich glaube, dass sich ein Hersteller, der so viel Geld für seine Produkte will wie ein Autokonzern nicht erlauben kann beim Thema Design und Emotionen zu schlafen. Langfristig schadet das extrem!

  3. Ayrton Sonntag, 13.02.2011 um 00:20 Uhr

    es gibt Leute wofur eine Auto nichts mehr als eine praktisches Verkehersmittel ist, und sonst nicht. Hauptsache billig oder problemfrei. Für die erste Gruppe gibt es Dacia und die Koreaner, für die zweite Toyota pre-Prius PR-Desaster. Das sind die Leute die kein Wert auf deren Aussehen haben und mit Sandalen, weisse Socken und Trainingsanzug beim Aldi zu sehen gibt. Die Masse will nicht auffallen, wozu ein schönes Auto. Mich interessieren solche Autos und Marken vielleicht als Design Referenz (im Sinne von gute Design zu verstehen und geniessen ist nur möglich wenn schlechtes gibt, als Kalibrierung des Geschmacks sozusagen). Wie ein Weinkenner sich nicht für den Aldi Wein interessiert, interessiere ich mich auch wenig wie der nächste Renault Clitoris, Kia Karenz oder Toyota Aversion aussehen wird.

    Zum Thema Meckes aber generell, bin ich der Meinung das die Zeitalter der Authentizität kommen wird, aber es dauert noch.

  4. Ayrton Sonntag, 13.02.2011 um 15:43 Uhr
  5. D.C. Sonntag, 13.02.2011 um 17:56 Uhr

    😯 😯 😯

    Da sind wir mit unseren Engländern ja richtig gut bedient! Unglaublich…

  6. Lord Hellmchen Dienstag, 15.02.2011 um 08:37 Uhr

    😯
    Die Karren taugen anscheinend nur zum Promenaden-Schleichen an der Cote d’azure…

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