Es gibt jugendliche Schwärmerei, emotionale Beziehungen und manchmal auch daraus resultierende, glückliche Ehen (auch wenn die Statistik der Hälfte unserer Mit-Glied-er ein unrühmliches Ende voraussagt). Das Thema „Zwangsehen“ existiert natürlich auch und schließlich gibt es noch die „Vernunftehe“.

Da bei uns das Auto irgendwie ja doch eine emotionale Komponente mitträgt und wir alle mehr oder weniger unsere automobilen Leidenschaften mit Passion ausleben, widerstrebt es uns eigentlich ein Auto anzuschaffen, welches einfach nur seinen Zweck erfüllt: (Immer!) anspringen, Platz für Gepäck haben und einen komfortabel und nicht zu kostspielig von A nach B bringen.

Manchmal geht es im Leben aber einfach nicht anders. Das sind dann die Momente der automobilen Vernunftsentscheidungen, äh -ehen.

Ihr habt ja alle in meinen Artikeln ziemlich eindrucksvoll gesehen, wie schwierig der Weg zur Erkenntnis in dieser Sache ist. Man ist immer wieder hin- und hergerissen, doch emotionales in die Entscheidung einzuflechten. Wenn man einmal sein Lastenheft definiert hat, bleiben scheinbar viele Optionen auf dem allgemein zugänglichen Markt übrig. Bei mir war das:

  • Zuverlässigkeit
  • Kombi
  • Ausweisbare Märchensteuer
  • (sehr) wenig KM
  • Garantie
  • rund 200PS (ein wenig Restwürde sollte man sich bewahren)

Schaut man dann mal genauer hin, fallen schon viele Kandidaten durchs Raster, da entweder überteuert, indiskutables Design (derzeitige Franzosen!),  oder Verarbeitungsmängel (Italiener). Bei mir blieben dadurch irgendwie nur Schweden und Deutsche übrig. Man möchte – wenn man denn schon viel Geld ausgibt – aber auch nicht vor Langweile narkoleptische Anfälle im Fahrzeug bekommen, daher fielen VW, Ford und Opel auch noch aus. Audi war – erstaunlicherweise – im Verhältnis so extrem teuer in meiner Wunschkonfiguration (Quattro, Schalter), dass ich es aufgegeben habe danach zu suchen.

Im Destillat fanden sich schlussendlich:

Der SAAB 9-3,  Volvo V50 (sehr selten, genau so wie der Saab), der BMW 3er und die Mercedes-Benz C-Klasse. Zu Recht wird mancher nach den aufputschenden Wirkungen der Kandidaten fragen – keine Sorge, alles eine Frage des Triebwerks!

Über meine Erfahrungen mit einem Alfa 156 GTA schrieb ich ja bereits (Finger weg! Siehe oben bei Italiener), in chronologischer Reihenfolge hier ein paar Fahr- und Erlebniseindrücke der anderen Modelle.

BMW E91 325i:

Um mir nach der Alfa-Geschichte weitere herbe Enttäuschungen zu ersparen, griff ich kurzerhand nach dem Telefonhörer und suchte mir den erstbesten 3er Touring in meiner Nähe für eine Probefahrt beim freundlichen BMW-Händler aus. Mich erwartete ein 2010er, modellgepflegter 325i, handgeschaltet, mit M-Sportpaket und vielen Gimmicks in dunkelgrau Metallic. Im Prinzip ein tolles Auto, von Außen wenig ver“banglelt“ und durch schöne 18″-Felgen mit schickem Auftritt.

Irritierend für den Händler griff ich als erstes zum Kofferraumdeckel und kurz danach war für mich die Probefahrt geistig auch schon beendet. Was BMW dort im Heck anbietet verdient die Bezeichnung „Kofferraum“ so sehr, wie ich einen Journalistenpreis. Erweitertes Staufach wäre passender. Es ist schlichtweg ein „Lifestyle“-Auto, welches in erster Linie optische und technische Qualitäten hat. Versuche Keiner den Wagen „Mutti“ als Familienauto anzudrehen – ich habe euch gewarnt! In meinen alten Saab 9-3 Serie 1 passte erheblich mehr hinein, und das war mehr ein Coupe als ein Fließheck.

Gut, es gibt aber noch andere Aspekte, schließlich gibt es ja noch die „Freude am Fahren“ zu erleben. Und hier konnte der Wagen liefern: Das Triebwerk eines BMW, so denn als Reihensechszylinder mit Benzinantrieb bestellt, weiß einfach immer zu gefallen. Die kleineren Modelle haben zwar eine Durchzugsschwäche, aber im Prinzip ist der 6-Ender bei BMW einfach DAS Kaufargument. Punkt. Aus. Ende. Es gibt keine besseren Motoren. Der 325i hier hatte gut 210 PS und hing entsprechend gut am Gas, wechselte schön 2-3 Mal drehzahlabhängig die Tonlage und schrie einen bei über 6000 RPM zornig an. Herrlich. Nur untenrum, altes BMW-Leiden, etwas träge. Für noch mehr Elan stehen dann natürlich der 330i und der famose 335i zur Verfügung, die übrigens in dieser Baureihe allesamt 3.0L-Maschinen sind (ja, auch der 325i). Durch geänderte Köpfe und Turboaufladung (335i) wird die modellspezifische Mehrleistung generiert.

Das Fahrwerk ist über alle Zweifel erhaben, mit weit mehr Reserven als die StVO zulässt, dabei vielleicht etwas zu hart für den täglichen Einkauf – aber man kann sich dran gewöhnen. Der Wagen lenkte extrem direkt ein, alles sehr präzise, wie man es eben erwartet. Durch das M-Paket kamen außer der Optik und dem Fahrwerk auch Alcantara-Sportsitze und ein entsprechendes Lenkrad dazu, durchaus schicke und angenehme Extras für einen Fuelbrother.

Negativ fiel eigentlich nur der Tempo-Warnsummer auf, der mir über 200 signalisieren wollte, dass ich mit Winterreifen unterwegs war. Und ein merkwürdiger Geruch im Innenraum, der nur durch einen starken Raucher verursacht werden konnte. Der Wagen hatte aber kein Raucherpaket – insofern fand ich das skurril. Auch ist der Innenraum wirklich knapp geschnitten, verstärkt wird das Enge-Gefühl noch durch die Sportsitze. Das ganze Auto wirkt von Innen kleiner, als es Außen ist.

Schlussendlich waren für mich aber dann zwei Dinge entscheidend: Das Auto war VIEL zu teuer (die wollten 25 Mille dafür) und es hatte im Verhältnis dazu viele KM drauf, nämlich fast 100k. Ein geistig gesunder Mensch kann solch ein Angebot nicht annehmen. Für 10.000€ weniger wäre das Auto vielleicht interessant gewesen, aber immer noch kein Schnäppchen. Aber das ist nur meine Meinung. Erwartungsgemäß ließ der Händler natürlich hier nicht wesentlich mit sich handeln und so zog ich von dannen. Fazit: Fahrerauto mit gewissem Nutzwert. Ein „echter Kombi“ ist der E91 / 3er Touring aber nicht.

SAAB Sportkombi 9-3 2.8L Hirsch

Die folgende Geschichte hat mich nach der eher etwas ernüchternden Erfahrung mit dem BMW (Preis-Leistung, Platz) komplett aus der Bahn geworfen und zu einer Kurzschluss-Reaktion geführt. Aber der Reihe nach. In meiner Mobile-Favoritenliste (Parkplatz genannt) tummelte sich seit Beginn meiner Suche ein interessanter Saab 9-3 in meiner unmittelbaren Nähe. Der Wagen war insofern spannend, als dass er die allermeisten meiner wichtigen Kriterien erfüllte und trotzdem eine ziemlich emotionale Komponente mit ins Spiel brachte. Man muss dazu wissen, dass der 9-3 Kombi an sich schon recht selten ist, als „Hirsch“ (so etwas wie AMG bei Mercedes) noch seltener. Das Werkstuning umfasst ein komplettes Fahrwerk inkl. Bremsen, Felgen, Leistungssteigerung, Auspuffanlage usw.

Alles schien zu passen! Sogar Garantie wurde in der Anzeige erwähnt, der KM-Stand mit 36.000 angegeben und dazu noch aus erster Hand. Wie sich beim Anruf herausstellte, wurde der Wagen von einem ehemaligen Saab-Händler verkauft, den ich ungläubig nach seinem Nachnamen fragte: „Sind Sie der Herr H., der mir damals mein Getriebe beim 900er gewechselt hat?!?“

😯

Man erinnerte sich aneinander (ich war noch Student damals und musste für das gebrauchte Getriebe 2 Monate abstottern), lachte, freute sich und vereinbarte ein Treffen – nicht um den 9-3 anzuschauen, sondern meinen 900er wieder flott(er) zu machen! Tolle Vorzeichen. Aber es ging ja vornehmlich um den Kombi. Wie sich herausstellte wurde der Wagen damals noch bei dem Händler offiziell gekauft (vor der Geschäftsaufgabe, also Saab & Händler) und durchweg dort gewartet. Da das Auto aber noch in Nutzung des Verkäufers war, die erste Ungereimtheit, Verkauf im Auftrag. 🙄

Ich rief daraufhin den Besitzer des Wagens direkt an und vereinbarte einen Besichtigungstermin. Gott sei dank war es um die Ecke, ich hätte mich maßlos geärgert, wäre ich 300km gefahren:

Der Wagen war verlebt, ungepflegt und überall zerkratzt. Überall Grünspan(!) und Macken. Der KM-Stand war bei 45.000, der Mann hat geraucht (natürlich im Auto: „Das lass ich mir auch nicht verbieten!“ :lol:), war ungepflegt in seiner Erscheinung und für mich absolut indiskutabel. Ich verstehe einfach nicht, wie man ein Auto verkaufen möchte, sich aber nicht einmal die Mühe macht, den Wagen zu reinigen. Innen empfingen einen Flecken auf den Sitzen und Krümel allerorten. Die Mehrwertsteuer konnte auch nicht mehr ausgewiesen werden (der Wagen war schon längst „aus der Firma“) und Garantie gab es natürlich auch nicht. Das Beste: Da er scheinbar finanzielle Probleme besaß, fuhr er vorne mit Winterreifen, hinten aber mit Sommerreifen 😯 .

Im Nachhinein hätte ich eine Probefahrt „just for fun“ machen sollen, um den Hirsch mal röhren zu lassen. Aber ich war in der Situation derart angenervt und geschockt vor so viel Lieblosigkeit einem äußerst seltenen Fahrzeug gegenüber, dass ich ein extrem niedriges Angebot abgeben habe, um dem Mann direkt die Möglichkeit zu geben mit Würde aus der Sache herauszugehen. Wie kann man nur so etwas machen?

Als ich mit meiner BH kurz darauf im Auto saß, sagte ich:
„Das war’s. Ich gehe jetzt zum Mercedes-Händler und kaufe einen Jungen Stern.“ 

3 Wochen später steht ein Daimler in der Garage.

C 200 T:

2012er Baujahr, Turbo-Benziner Kombi, Avantgarde, AMG-Paket, 25k gelaufen. Der 185PS 1.8L Turbo ist dabei untenrum spritziger(!) als der neulich gefahrene C 350. Fragt mich nicht nach dem Preis, er war natürlich über dem Budget, aber ähnlich dem BMW von oben. Nur habe ich „mehr“ fürs gleiche Geld bekommen.

Ich fühle mich nach den ersten Fahrten irgendwie wie eine Zahnarztgattin. Man hat einen Partner aus der „besseren“ Gesellschaft und wird mit einem Blick angeschaut, der zwischen Neid, Verachtung und Bewunderung schwankt (vor allem bei der Nachbarschaft… 🙄 ). Der Unterschied: Ich muss nicht die Beine breit machen und habe das Auto selbst bezahlt.

Es bieten sich jetzt natürlich viele Optionen für Kundentermine: So kann ich, je nach Kunde, nicht nur die Autos variieren, sondern auch mein Outfit. Für die Rennsport- und Autokundschaft passt ein jugendliches Fuelbrothers-Shirt, Fahrerschuhe zum grünen Esprit. Die Architektenboheme wird mit dem „stylo“ SAAB 900 turbo umschmeichelt, garniert mit braunem Cord-Anzug und alt-Leder Stiefeletten. Der Benz sollte dann mit Slippern (evtl. Bömmelken, vielleicht aber nur Fransen?), Tweed-Sakko und rosa Ralph-Lauren Polo-Hemd ergänzt sein. Vielleicht noch ein Halstuch dazu? Was meint ihr? 😉

Der Wagen an sich ist so perfekt, wie man sich das allgemein eben so vorstellt. Hübsch, seriös, mängelfrei, gepflegt, elegant, durch 17″ AMG Felgen nicht völlig unsportlich, dabei aber total unaufgeregt. Quasi die Auto gewordene Judith Rakers.

Mittlerweile ist in den Autos heutzutage so viel Elektronik und Schnickschnack drin, dass ich Seiten füllen könnte, die eh keinen interessieren. Aber wehe es fällt etwas aus… Daher möchte ich das Auto auch nicht „behalten“, sondern in 3-4 Jahren gegen ein jüngeres Modell ersetzen. Nein, an dieser Stelle jetzt ausnahmsweise kein Frauenvergleich. Die Zeiten, in denen man einsteigt und losfährt sind vorbei. Eine Kaffeetasse im Cockpit zwingt zu Zwischenstops und das Navi versteht einen sogar verbal. Es liegen Welten zwischen meinen bisherigen Autos und diesem Exemplar.

Bei manchen Features frage ich mich allerdings wirklich ernsthaft nach der Entstehungsgeschichte. Wie viele Trottel müssen wohl ihre Garagenwände beim Anlassen gerammt haben, bis die Funktion „Starten nur bei durchgetretenem Kupplungspedal“ Einzug in die Fahrzeugelektronik gefunden hat?

Wie oft muss jemand seinen Benz abgesoffen haben und auf den Hintermann draufgerollt sein, bis ein „Berganfahrassistent“ die Bremse vollautomatisch am Berg gezielt einsetzt?

Aber so ist es eben. Ein Haufen Zeug, den man nicht wirklich braucht, aber eben mit dazu erhält. Und wir wundern uns über die derzeitigen Preise. Ach so, Preise. Der Wagen hat in den 18 Monaten seiner Existenz knapp 50% an Wert verloren. Was mich zur letzten Frage bringt: Wer ist so wohlhabend und verrückt, eine 200er C-Klasse für 45 Mille neu zu bestellen? Vermutlich keiner, denn auch dieses Fahrzeug stammt, wie so viele, aus dem Werksmitarbeiter-Pool.

Bleibt also nur noch den Wagen zu genießen, die Schrulligkeiten eines Mercedes zu erleben (Fuß-Handbremse!) und ein möglichst sorgenfreies Autoleben zu erwarten. Der Anspruch ist hoch, um es mit Asterix-Latein zu sagen: nunc est bibendum. Zum Schluss noch ein Zitat von meinem Vater, der mir als kleinem Jungen auf die Frage geantwortet hat, was denn wohl mein allererster Satz gewesen wäre:

Ach Junge, du hast etwas nachgeplappert, was ich mal im Auto gesagt habe:“

„Scheiß Mercedes!

Wie sich Dinge ändern können.