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Evora – evowas – evowarum?


Veröffentlicht am 15. Juni 2009, von D.C. in / Fahrberichte, Lotus. 5 Kommentare

So, liebe Leute und Freunde des Benzinschnüffelns. Als Teil dieser Selbsthilfegruppe möchte ich euch, etwas verspätet – zugegeben – von meinen Beobachtungen zum neuen Lotus Evora berichten. Vor einiger Zeit würde für letztes Wochenende im schwarzen Elise-Forum eine Einladung vom Autohaus Müller aus Königswinter an Lotus-Freunde und -Besitzer ausgesprochen, nämlich zur Live-Begutachtung des neuen Lotus Evora.
Welch ein Glück, dass es in meiner Nähe stattfand und ich kein abhängiger Journalist irgendeiner Postille bin, hähä!

Die ‚Location‘: Petersberg, Nähe Bonn. Für die nicht Ortskundigen sei gesagt – die Anfahrt zum ‚Event‘ – nämlich den Berg hinauf – war alleine schon die Reise wert.

Kurz vor der Auffahrt wurden wir von einem Senioren im Pförtnerhäusschen begutachtet – und für gut befunden – Sprich: Freie Fahrt nach oben (kostet wohl normalerweise was): „Äh – wir gehören dazu, ne? – Also Lotus-Treffen, ne?“ „Achso?! – Ja denn gute Fahrt!“ Da sag doch einer Mal, es wird einem nichts mehr geschenkt, heutzutage…

Danach ließ eine Abfolge von Spitzkehren und Geraden bei mittelschwerer Steigung richtiges Bergrennen-Feeling aufkommen. Ein kurz vorher auf freier Strecke aufgelesener Exige scheuchte uns alte Herren (also meinen Esprit und mich) derart den Berg hinauf, dass mein Laubfrosch wild mit den Füßen scharrte. Da ich nicht mit den Genen von Graham Hill gesegnet bin mündete das in etwas zackigen, uneleganten Abfangmanövern und Reifenwimmern im Kurvenscheitelpunkt. Ein Glück, dass Lotus den Esprit so gutmütig ausgelegt hat, damals… Oben durfte ich mir dann hämisch vom Exige-Fahrer mein Unvermögen kommentieren lassen: „Musse auf’m Gas stehenbleiben!!! Is‘ doch’n Mittelmotor!!! Ich hab‘ ja Eeh- es- peh dabei, bei mir is’s egal, hähä…“ Naja, jeder wie er kann, sag ich nur, ist noch kein Rennfahrer vom Himmel gefallen. Spaß gemacht hat es jedenfalls, und zwar grandiosen! Eine Strecke, die man definitiv nochmals hochfahren sollte! Und wer zum Geier ist ESP? Mein Begleiter mit einer ‚klassischen‘ Elise zuckte auch nur ratlos mit den Schultern…

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Lotus Evora am Petersberg im Familienverbund

Oben dann eine wunderschöne Aussicht auf das Umland und auf einer von Pagoden-Bäumen verschatteten Terrasse allerlei Lotus-Variationen zum kredenzen.

Einer kleinen Marke wie Lotus merkt man einfach an, dass wenig Geld im Hause ist, und ich persönlich finde es nicht schlecht. Ich habe mich damals bewusst für einen alten Esprit und gegen einen jüngeren Porsche entschieden – auch deswegen. Mir geht dieses neureiche getue und rumgepose mancher (nicht aller!) Porschefans gewaltig auf den Zeiger und ich bin mir 100%ig sicher, daß ein solches Event voller Schnösel und Aufschneider wäre – würde es von anderen Marken ausgerichtet werden (Soviel zum obligatorischen Porsche-Driver-Bashing, *räusper* ).

Der Evora, also der Star der Show, wurde natürlich prominent platziert (nämlich zuallererst in der Parade). Ich bin mir (wie auch meine Begleiter) nicht ganz im Klaren über die Farbgebung des ausgestellten Modells gewesen. Ob das ein Grün oder ein Blau gewesen ist, lässt sich irgendwie nicht mehr abrufen – eine besonders glückliche Farbwahl war jedenfalls es nicht.

Auf Anhieb fällt beim Evora auf, dass es sich um ein ‚richtiges‘ Auto handelt. Es hat erwachsenere Dimensionen als die derzeit sonstige Lotus-Modellpalette. Der Wagen ist höher, breiter und insgesamt voluminöser. Auch bemerkenswert: Der solide Ersteindruck. Sollten die Pubgänger aus Hethel tatsächlich lackieren gelernt haben? Das Finish ist wirklich gut und erinnert sehr an deutsche Produkte, was gut ist. Leider fällt beim zweiten, unbarmherzigeren Blick eine sich schon ablösende Türdichtung auf, Beifahrerseite im Dachbereich. Wollen wir das mal als „Vorserien-Mangel“ betrachten, ähem.

Lotus Evora Seitenlinie

Lotus Evora Seitenlinie

Beim Design kann man jetzt auf die schnelle sagen: Entweder man mag es, oder nicht. Es wurde versucht, die Elise/Exige-Formensprache auf ein größeres Auto zu übertragen und gleichzeitig eigenständige Elemente neu zu entwickeln. Das ist hier recht gut gelungen, auch wenn es nicht jeden Geschmack trifft. Es gibt Winkel und Perspektiven, aus denen sieht der Evora richtig gut aus, aus anderen wiederum fragt man sich, ob man in England nicht doch besseres Bier trinken sollte.

Schön empfinde ich die ausgeprägte Taillierung, gegen den Trend der durchgebangleten Hängebauchsicke. Endlich mal ein Auto mit Wespentaille! Ansonsten ein, mal mehr, mal weniger gelungenes Spiel aus Konkav und Konvex, vielleicht teilweise zu bemüht. Der Anschluss der Fensterlinie oben an die Heckscheibenverglasung ist so ein Element, über das man streiten kann, hier ist die Farbe schwarz eventuell die Lösung, da die Ecke dann nicht mehr zu sehen ist.

Lotus Evora Leuchte

Lotus Evora Leuchte - mit Logo als Schmankerln

Jedoch! Wehret den Anfängen! Man erinnere sich an skurille Autos wie den Eclat oder Europa (Serie 1) und deren Heckdesign! Insofern kann man den Evora schon als stark geglättet – und dem allgemeinen Mainstream verschrieben  – betrachten.

Evora Heckansicht

Evora Heckansicht

Sehr schön gelöst finde ich die Integration des Heckflügels in die Gesamtform – und dann solch ein Fauxpas: Warum haben die, zum Teufel, die dritte Bremsleuchte da einfach so druntergeklebt?! Was das soll, verstehe ich nicht, wie im Übrigen auch viele andere Betrachter. Man hätte doch die LEDs wunderbar in den Flügel integrieren können? Hier sollte bald die Modellpflege drüberschauen. Die kleinen, weissen Heckleuchten verstehe ich auch nicht, vielleicht wollte man sich von der Elise unterscheiden – ich finde die Doppelheckleuchten-Variante der Elise aber schöner. Nun gut. Der Bereich am Heckdiffusor geht auch schöner, aber man muss sich und den Tunern ja Raum für Verbesserungen geben.

Lotus Evora Cockpit

Lotus Evora Cockpit

Die größte Überraschung wartet Innen! Man fühlt sich sehr ‚deutsch‘! Der Innenraum ist äußerst bequem, ansprechend und sauber verarbeitet. Als Fahrer des Esprit S4 freuen mich die gekederten Ledereinfassungen der Armaturenträger, ich fühle mich ‚in einem Lotus‘.

evora-cockpit2

Die moderne Gestaltung des Mäusekinos nebst Doppel-Din-Sat-Navi (OEM-Dritthersteller, austauschbar!) lassen Begeisterung aufkommen. Dieser Wagen ist in keinem Fall der Spartakus, den man von Lotus erwarten könnte. Klarer Fingerzeig auf die Kunden des Gayman und Porkster! Man möchte in diesen Gebieten wildern und mit diesem Setup sollte das auch gelingen. Für diese Kunden ist das Auto designmäßig vielleicht aber schon zu ‚brav‘ und wenig prestigebehaftet, die Frontansicht ist jedenfalls mit wenig Überholprestige gesegnet, auch hier erwarte ich in Kürze alternatives Schürzendesign.

evora-front

Jetzt könnte man sicher sagen „Moment! Wir haben ja noch gar nicht vom Fahren gesprochen…“ Jaaa. Also das ist so eine Sache. Es gab keine Möglichkeit zur Erprobung. Man ist daher versucht zu sagen – it’s worthless without a test-drive.  So ist es auch, aber ich vertraue den Lotus-Jungs mal bis hierhin, daß der Wagen gewohnt fantastisch abgestimmt ist und der Motor mal wieder eine ordentliche Tröte braucht um gut zu klingen. Das war schon immer so und wird sicher so bleiben. Ohnehin ist bei einem Toyota-Großserien-Aggregat nicht mehr viel falsch zu machen, außer vielleicht, das es von Toyota ist.

Lotus Exige Cup - Skalpell im Trainingsanzug

Lotus Exige Cup - Skalpell im Trainingsanzug

Junge, Junge. Da kauft man ein Auto für fast 80 Mille und drinnen steckt ein Toyota. *Hust*. Was bei der Elise/Exige gerade noch gut geht und mit allem Möglichen zu rechtfertigen ist, wird hier immer schwieriger. Ich bin mal auf Fahreindrücke gespannt. Dabei hat Lotus doch früher so tolle Motoren gebaut!? Selbst der V8 war besser als sein Ruf. Ein bisschen Modellpflege und er wäre immer noch einsetzbar… der Vierzylinder ohnehin, wo doch alle Richtung ‚Downsizing‘ laufen. Naja gut, ich bin kein Manager, die werden ja wissen was sie tun, oder? Dieser Tage ist man sich da aber allenthalben nicht so sicher.

Man wird die ersten Tests abwarten müssen und sich danach ein Urteil bilden. Ich wünsche mir jedenfalls, dass Lotus mit dem Auto Erfolg hat, sie müssen sozusagen, denn daran hängt (mal wieder) alles. Lotus hat nach mageren Zeiten des Verlusts im vergangenen Jahr einen ’sagenhaften‘ Gewinn im einstelligen Millionenbereich gemacht (Pfund, immerhin, nicht Lire!) und braucht dringend eine Cash-cow für andere Projekte, wie z.B. den Relaunch vom Esprit und der Elise/Exige. Es könnte klappen, sollte die Krise jetzt keinen Strich durch die Rechnung machen…

P.S.: Ich habe jetzt nicht über so einen Schwachsinn wie Verbrauch, Platzangebot oder Alltagsnutzen geschrieben, das sollen mal die Jungs von Auto-Bild und ADAC-Motorwelt machen. Vielleicht noch ein Wort zu den Rücksitzen: Abbestellen!

P.P.S.: Nein, ich weiss ich nicht, was Evora heissen soll! Lotus benennt seine Autos einfach immer mit einem ‚E‘ als Anfangsbuchstaben, und dieses Kunstwort war wohl noch frei. Sicherlich soll es irgendeinen, herbeigezerrten Bezug zu ‚Evolution‘ und was auch immer herstellen. Mit der Exige sind die Tage eindeutiger Namensherkünfte passé.

Videoberichte:

Von Fifth Gear (ich liebe die Stelle, an der die Mädels auf dem Rücksitz hin- und hergeschleudert werden) 😆 :

Und natürlich Top Gear:

D.C.

Passende Literatur zum Thema Lotus:




    5 Antworten zu “Evora – evowas – evowarum?”

    1. Lord Hellmchen sagt:

      E voilà! Evora?

      Kompliment! Sehr schöner Bericht.
      Nur kurz jetzt, muss zwischendurch auch mal arbeiten:

      Design:
      Zwiespältig, stimme Dir zu. Taillie: Super! Front: Naja. Heck: Das mit der Leuchte war bestimmt ein Zugeständnis des Designers an die Kaufleute. Ich finde, die müssen aufpassen, daß sie nicht ihre Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit verlieren.

      Konzept: Haste mal Werte? Leistung?Gewicht und so? Auch da finde ich muss man aufpassen, daß Lotus Lotus bleibt.

      Keine Probefahrten? Aber hattest doch mal Soundcheck inkl. zu hoch drehen gemacht oder? Hattest da doch was erwähnt?

    2. D.C. sagt:

      Ja, das Thema habe ich bewusst unterschlagen, denn Sound war noch nie des Lotus, äh, Toyotas Stärke. Wir belassen es mal dabei.

      Vielleicht ergibt sich irgendwann nochmal die Gelegenheit für eine Probefahrt – unter Last klingen Motoren im Normalfall besser.

      Lotus war schon zu Zeiten meines Esprit nicht mehr ‚Leichtbau um jeden Preis‘. Der Evora liegt eher auf der Esprit als auf der Elise-Linie. Die technischen Daten kann man sich googeln oder auf der Lotus Seite finden.

    3. Dr.Dreh sagt:

      Hmmm. Sehr schön D.C.! (Aber auch ich warte sehnlichst noch auf den Drehzahlbegrenzertest-Report) 🙂 War der Klausi auch da??
      Die/Der (?) Evora gefällt mir immer weniger! Als ich den Spiegel Test damals gelesen hab dachte ich noch: iiiiih- wieso nehmen die ausgerechnet einen in bordeaux-rot? Darauf stehen doch nur Holländer! WEIß ist doch Trendfarbe 😉
      In blaugrün macht ER irgendwie auch nicht mehr her. (Bei der Hüfte sollte es eher eine Sie sein, oder?) Evulva!
      Und zwar, weil das ganze Design wischiwaschi geklaut und rundgelutscht ist. Schön, dass die Lotus Designer bei Tesla ein paar Kröten dazuverdienen- aber sie hätten sich ruhig ein neues Blatt Papier gönnen können, oder??

      Und auch Ferrari und Mazda sind drübergehuscht…

      Nee danke, und das noch mit Toyota Motor… sieht aus wie ne mutierte Elise deren Mutter nicht weiß ob Papa ein MX5, RX7 oder ein Koenigsegg CCR ist, weil sie an dem Abend so besoffen war…
      Aber der Exige ist cool! Weiß ist ja auch voll im Trend…
      Und was ist das denn für eine weichgespülte Innengarnitur? Da zieh ich mir ja direkt mein rosa Ralph Lauren Hemd an, hänge mir in bester Sascha Hehn Manier den beigen Cashmere Pulli über die Schultern und schlüpfe in meine Bootsschuhe! Und was will ich denn mit einem Tempomat in einem Kurvenräuber? Noch bisschen Trimmgewicht irgendwo verstecken? Oder schön mit 120 richtung Sylt bummeln? Gibt es den auch als Automatik? Das ist so praktisch, wissen sie…
      Der Evora wiegt nur ca.120 kg weniger als mein Schwedenpanzer! Aber hauptsache Servolenkung Leute, was?
      Damit Mutti auch auf dem Tengelmannparkplatz gut einparken kann…
      Was Lotus braucht, ist mal wieder ein MÄNNLICHES Auto wie den Esprit! Sie bauen nur noch Fudelkram, der zwar schnuckelig und technisch ganz ok sein mag, aber eben (und da schließe ich gerade auch die Elise mit ein) schön soft ist. Die Evora jedenfalls ist ein Zahnarztfrauenflitzer! Baut endlich wieder einen Erektio! Ein dreckig brabbelndes Tier, was leicht ist, keine Airbags hat, nach Benzin stinkt und böse ist!

      Mein Fazit: wenn schon, dann entweder Elektra(s.o.) oder Europa!

      Dr.Hyde

    4. D.C. sagt:

      Ähm, Zustimmung, auch wenn ich es nicht so krass formulieren will. Ich muss allerdings eine Lanze für die Elise brechen, die ist nicht wirklich soft.

      Alles andere ist ein Schenkelklopfer!

      Der Evora IST für genau diese Kundschaft gebaut – und der Esprit war es damals u.a. aber auch! Nur kommt der uns heute härter und puristischer vor, weil die Zeit weitergelaufen ist und man auch einen ‚RS‘ Porsche mit Sitzheizung bestellen kann.

      Ich möchte nicht wirklich wissen, was man alles in einem Gallardo bestellen kann…

    5. Lord Hellmchen sagt:

      Dazu kann ich nur sagen: Die falschen Leute ham die Kohle 🙂