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Rest in Peace, SAAB


Veröffentlicht am 3. Februar 2009, von D.C. in / Essays, SAAB. Keine Kommentare

Wie ein Autoherstellter seit 1994 im Wachkoma liegt und warum die Apparate bald abgeschaltet werden (Fußnoten erscheinen nach 1 Sek. bei Mouseover über das TM-Symbol).

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Vorgeschichte:

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit einem SAAB als wäre es heute gewesen.
Es war 1987, natürlich war es ein SAAB 900 Turbo, und selbstverständlich ging ich noch zur Schule.
Wie alle Jungs™ hatte man schon damals ein Faible für Autos, für Starke sowieso. Im Prinzip hatte man ja alles auf dem Radar, die Supercars (Ferrari, Lambos, Porsche etc.), die Sportwagen (oder was man dafür hielt: Capri, Manta, Scirocco -> wie schreibt man den eigentlich???) und die sogenannten ‚Papa-Autos‘.
Papa-Autos, das sind die Autos der Eltern, da konnte man sozusagen entweder ’nichts-dafür‘ – z.B. wenn der eigene Vater ein weitgehend emotionsfreier Golf II-Fahrer™ war – oder man war mächtig Stolz ob der unverdienten Anerkennung, die einem beim Autoquartett-Schulhofgespräch zuteil wurde. An dieser Stelle muss ich leider sagen – konnte ich nicht mitstinken, da mein Papa eben Golf II™ fuhr und Mutti einen Escort™. Viele dieser Papa-Autos stellten einige Jahre später ja auch immerhin den rituellen Eintritt in die fantastische Welt der Automobilität dar – und wer wollte da nicht mit mächtig stolzer Brust in Papas Auto die erste Ausfahrt (natürlich zum Eiscafe, mit Bianca!) machen?

PRÄGEPHASE, so heißt das bei der Welpenaufzucht. Liebe Mädels, wenn ihr das lest und nicht versteht, erinnert euch an den ersten (oft einzigen) Schulball und die damit verbundene, unausweichliche Kleiderwahl! ‚Schulhof-Credibility‘ hatten in erster Linie natürlich diejenigen, die das Privileg besaßen einen 525er oder 300er in der Familie zu haben. Für Kenner bot sich der 80er quattro an (damals noch eckig!). VW und Opel zählten nicht (außer GTIs/GSIs!). Das war’s dann aber im Prinzip schon. Ach ja, ein aus der Art geschlagener Psychologen- /Psychopathensohn erzählte vom 500 E, den sein Vater zum gemeingefährlichen Einsatz über Autobahnparkplätze bei 200 km/h brachte™, aber das führt an dieser Stelle zu weit.

Und dann gab es auch hin und wieder ‚Exoten‘: Das waren dann die Volvo, Citroen, Renault und Italiener-Fahrer. Meistens waren deren PS-Zahlen (und darauf kam es uns ja damals oft an) aber recht bescheiden und die Fahrleistungen abzuleiten. Eines Tages, nach einem Schulfestchen oder Wandertag, wurde einer meiner Mitschüler von Papa abgeholt. In eben einem Papa-Auto. Da Sascha ohnehin ein cooler Junge war und sein Vater einen Pornobalken trug (das war in den 80ern megacool, bitte Tom Selleck nicht vergessen) überraschte es wenig als Papa mit einem coolen Karren ankam, einem SAAB 900 turbo. In schwarzauchnoch! Die außergewöhnliche, kantige Form, das aggressive Auftreten mit Gummiflügel (gabs im Schulbewusstsein sonst nur beim 944!) und großflächigen Alu-Dreispeichenfelgen und der doch sehr sonore Klang ließen aufhorchen (der Pfiff ja zusätzlich hintenraus!?). Ich kannte SAABs bis dahin eigentlich gar nicht und war daher doch sehr konsterniert. Als Sascha auch noch erzählte, dass Papa bei einem kleinen Beschleunigungsrennen angeblich einen 535er abgehängt hat war ich doch sehr beeindruckt. TURBO, das war das Wort was hängen blieb. Wow.

meiner
Das ist übrigens mein Eigener! Leider verstaubt er gerade ein wenig in der Garage und wartet auf bessere Zeiten… © Fuelbrothers.de

Viele Jahre später dann, ein Anruf aus heiterem Himmel (ich, mittlerweile 17, und schwer den Mädels hinterher™): Mein Opa wollte seinen Wagen nicht mehr fahren. Da ich derzeit EXTREM wenig Kontakt zu ihm hatte überraschte mich dann doch sein ‚Nachlass‘: Ein gut erhaltener SAAB 9000 turbo in silberblau, ‚loaded‘. Also die Sorte, die damals schon nicht mehr für einen ‚echten‘ SAAB gehalten wurde. Da ich mangels besseren Wissens das gleiche dachte (also, dass das Ding nix is‘!), fand ich schlimmerweise die alternative Vorstellung, meine Mutter legt sich einen Mitsubsishi Colt zu, besser. Ein Beispiel dafür, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt und die geistig Armen es auch besser bleiben sollten, da sie sich sonst schuften könnten. Das Schicksal hat dann aber entschieden, dass der SAAB in die Familie kam (Gott sei Dank!) und sein Virus steckte mich tierisch an.

In dieser Zeit habe ich eine derart krankhafte Faszination für die Marke aufgebaut, daß ich alle Prospekte, Bücher und Artikel die es dazu gab sammelte und Informationen über die Firma quasi inhalierte™.

Jedenfalls, direkt nachdem der Wagen die Familie betreten hatte, dauerte es eine gewisse Zeit, bis ich mich mit seinem Design angefreundet habe. Obwohl der 9000er aus der Feder von Giugiaro bzw. Italdesign stammt (meinem Leib- und Magen-Designer) war der erste Eindruck eher negativer Natur. Ein, für konservative Begriffe, verunglücktes Heck (mit Gummiflügel!) und die seltsame Beplankung mit Kunststoffteilen (die wohl außerehelichen Verkehr mit den Chromteilen hatten™), wollten nicht so richtig gefallen. Der Mittelteil des Autos hatte in der Seitenansicht etwas zeltartiges und wenig elegantes.

Saab 9000 Sport - Schön ist anders
Saab 9000 Sport – Schön ist anders ©Martin Pettitt @ Flickr.com

Sei’s drum! Immerhin gab es Alufelgen, eine massiv wirkende Verarbeitung und den Schriftzug ‚turbo‘ hinten drauf! Man musste sich also drauf einlassen. Sobald man drin war überzeugten innere Werte: Schottisches Leder, computerisierte Klimaanlage, Automatik, VIELE Knöpfe zu drücken (ganz wichtig) und vor allem: Leistung! Ich habe damals irgendwo gelesen, dass der SAAB 9000 bevorzugt von Boeing-Piloten geflogen (eehm, gefahren) wurde und man konnte das glauben – wenn man das eindrucksvolle Cockpit vor sich sah und den Automatikwählhebel im Schubreglerdesign. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass ich mein männliches (soweit man davon sprechen konnte) Umfeld mit Details genervt habe: 16 Ventile, automatische Ladedruckregelung (mit Anzeige!), 32-Bit Elektronik im Steuergerät usw…. Das alles war damals ziemlich weit vorne – und dass scheinbar ein 9000er turbo (ok, handgeschaltet) im Elastizitätstest einen Testarossa abziehen konnte war genauso beeindruckend wie unglaublich.

Das eigentliche Fahrgefühl bestand aus einer (damals unbekannten, da kaum TDIs) massiven Drehmomentwelle und bei höheren Drehzahlen wildem Reißen am Volant. Genausowenig erwähnenswert, dass ich ziemlich viel Unfug mit dem Wagen gemacht habe: Beschleunigungsrennen (unter Freunden: Bis ans Schild, ne?), Fahrzeitrennen (wie schnell schaffts du’s von Waldbröl nach Wiehl?) und so weiter. Das Ganze gipfelte dann in einem (zum Glück) glimpflichen Unfall, der mich dann auf den Boden der Realität zurückholte. Unnötig zu sagen dass der SAAB die Scharten mit Würde trug. All das soll eigentlich nur demonstrieren, dass ich wirklich ein großer Fan der Autos von SAAB bin und den folgenden Nachruf mit zwei weinenden Augen schreibe.

Die Firma:

SAAB (Svenska Aeroplan Aktie Bolaget – Schwedische Flugzeug AG) entstand vor dem 2. Weltkrieg und stellte als mutierter Tante Emma-Laden der Familie Wallenberg damals vor allem Flugzeuge und Rüstungsgüter her. Nach dem Kriegsende stand das Unternehmen vor der Entscheidung die im Krieg aufgebauten (Produktions-)Kapazitäten in Kühlschränke™(!) oder Autos zu kanalisieren. Nach der Formierung eines kleinen Teams (hauptsächlich bestehend aus Flugzeugingenieuren) entstanden erste Prototypen, die den Ur-Porsche ziemlich Altbacken aussehen ließen. Die aerodynamischen Eigenschaften des Erstentwurfs waren erstaunlich gut™ und man fand bald zur Serienproduktion.

Eine kleine Firma wie SAAB (Automobile) war damals wie heute auf den Einkauf vieler Zulieferteile angewiesen, daher schaffte man sich als Aggregat erst ein DKW-Zweitakt-Triebwerk, später einen Ford V4 an. Die eigentliche Legende um SAAB wurde in den 60ern mit den Motorsporterfolgen (Rallye Monte Carlo) und 70ern (Beginn der Turbo-Ära) gesponnen. Mit viel Innovationspotential ausgestattet, schaffte es die kleine, schwedische Autoschmiede durch witzige und funktionale Details aufzufallen – oder wer weiß heute noch, dass die Sitzheizung von einem morgens frierenden SAAB-Ingenieur erfunden wurde – oder dass die Scheinwerfer-Reinigungsanlage auch von SAAB stammt. Als dann schließlich auch noch ein halbierter Triumph V8-Motor per Turbolader zwangsbeatmet wurde und Sportwagenfahrleistungen in einer einzigartigen Karosserie ermöglichte, ist ein ganz besonderes Flair entstanden.

Zu Recht waren die Ingenieure stolz auf Ihre Leistung – und fast wäre in einem schwachen Moment die Firma SAAB-Volvo entstanden, der landeseigenen Konkurrenz ging es derzeit nämlich nicht so gut™. Auf der einen Seite also erfolgreiches Engineering – auf der anderen Seite wirtschaftliche Interessen. SAAB hat es scheinbar nie geschafft, seine Automobiltochter profitabel zu machen (vielleicht gerade wegen der ganzen Innovationen und Details?). Die Verarbeitung der Autos war zwar seit jeher über jeden Zweifel erhaben doch waren sie zu teuer in der Produktion. Man entschied sich die Autosparte aus dem Konzern zu lösen um durch Partnerschaften mit großen Konzernen viele Gleichteile zu verbauen und Kosten zu senken. Hier fand das Elend seinen Anfang und der Niedergang der SAAB-Automobile begann.

Das Ende:

Ausgerechnet GM fand sich als Käufer (oh alas!) für SAAB, die Firma, die es durch Arroganz und Innovationsfeindlichkeit geschafft hat, sich in ihrer langjährigen Geschichte (fast) selbst hinzurichten™. Dass es ein bunter Vogel wie DeLorean nicht bei GM ausgehalten hat mag man als Randnotiz sehen, dass GM allerdings seit Jahrzehnten den Berg runtertaumelt, ist bekannt. Bezeichnend für GM ist der Umgang mit Qualität und der eigenen Produktpolitik. Jede der in GM eingegliederten Firmen verlor ihre eigenständige Produktlinie und wurde im Prinzip zu einer weiteren Plakette im GM Kühlergrill-Einheitsbrei. Geradezu asterixmäßig scheint immerhin Opel eine lobenswerte Ausnahme zu sein™.

Doch nicht so erging es SAAB. Die Autos glänzten nach der Übernahme durch mangelhafte Verarbeitung, fehlende Innovationen (von unnützem Mist wie dem „Black Panel“ mal abgesehen) und immer angepassteres, langweiligeres Design™. GM hat durch die Assimilation von SAAB geschafft, dass die Autos weder hartgesottenen Fans der Marke (Stichwort 900/ 2) noch Neukunden gefielen. Immer wieder wurde die Turbokompetenz und Innovationsfreude im Marketing beschrien, aber in Wirklichkeit war das schon der Totengesang der Firma. Zwischenzeitlich haben die Hinterwäldler aus Wolfsburg sogar Turbomotoren und ausgefeilte Technologie entwickelt, so dass man allein mit dem historischen Nimbus rund um die eigene Genialität nicht mehr wirklich mitstinken konnte.

Witzigerweise hat GM auch dies nicht erkannt und fröhlich Milliarde für Milliarde bei SAAB versenkt, nur um festzustellen dass die Autos sich doch nicht so gut verkaufen wie gedacht (vom seligen Cabriolet mal abgesehen). Wenn dann aber mal eine Innovation (oder wenigstens ein tolles Design) kam, wurde es medienwirksam ausgestellt aber nie in ein Produkt umgesetzt (Aero-X). Das hatte übrigens für viele SAAB-Fans die gleiche Wirkung wie die nackte Monica Bellucci hinter Panzerglas. Man weiß also quasi schon im Voraus, dass es nicht lohnt sich was auszumalen, da es ohnehin nicht passiert. Andere Hersteller, z.B. Audi, machen mal eine heiße Studie und erdreisten sich dann tatsächlich diese zu bauen – Unverschämtheit so was (oder wie war das mit dem R8?). Tja, dann kam was kommen musste: GM hat mal wieder sein gefürchtetes Re-Labeling betrieben und einen entstellten SAAB-Kühlergrill nebst Emblem auf einen Trailblazer (9-7) und Impreza (9-2) geklebt, um bei ein paar wenigen, stumpfen, amerikanischen Käufern schnelle Kasse zu machen.

Die ‚Kernbaureihe‘ 9-3, quasi der Enkel meines seligen 900, ist (von einem kosmetischen Eingriff abgesehen) seit 300 Jahren nicht mehr aktualisiert worden und den 9-5 fand man vor einigen Wochen in seiner Urform bei Ausgrabungen rund um Gizeh. Ist doch klar, würde man rufen, die haben nur vergessen was die Marke  definiert™! Kleine, starke Autos, die praktisch sind, effizient, mit einzigartigem Design. Da kommt bestimmt was! Kam auch: Eine weitere Studie (9-3x), und noch eine (9-x) und noch eine (XXX)… jetzt kommt erstmal ein SUV von SAAB – genau zur richtigen Zeit, super timing GM, ihr habts echt drauf! Passt vor allem klasse zum Firmenimage, ähnlich wie der Cayenne, der Porsche vom Edelproletenpuff endgültig zur Hafenkneipe gemacht hat. Prost! In jedem Fall ist GM stehend K.O. und SAAB hängt dem Schwergewicht am Hals wie eine britische Teenagerin dem Türsteher Samstagnachts um 2h morgens.

Nachtrag vom 10.03.2010: So kann man irren! Phönix aus der Asche, also ich meine Spyker holte SAAB für’s erste aus dem Sumpf!

Also genau die Art von Pärchen, dem man eine große Zukunft voraussagt. Rest in Peace, ihr Zwei.

D.C.

Empfehlenswerte Literatur zum Thema SAAB:




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